Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
31
Einzelbild herunterladen
 

haltend der, welcher zu wenig aus sich macht. Ein Schmeichlerist der, welcher mehr und öfter lobt, als recht ist, gehässig, weres zn wenig thut. Wenn man zu sehr nach dem Gefallen redet,so ist dieß Kriecherei, wenn man es aber wenig und ungern thut,so ist cs Selbstgefälligkeit. Wer keine Unlust ertragen kann, auchnicht, wenn er sollte, ist weichlich; wer jede Unlust auf sich nimmt,für den haben wir eigentlich keine Bezeichnung, man mag ihnaber etwa hart nennen oder mühselig oder selbstquälerisch. Auf-geblasen ist, wer seinen eigenen Werth zu hoch anschlägt, niedriggesinnt, wer sich zn gering taxirt. Verschwenderisch ist, wer injeder Ausgabe das Maß überschreitet, ein Knicker, wer in allemzu wenig ausgibt. Ebenso verhalten sich zu einander der Klein-liche und der Großsprecher: dieser thut mehr als sich gehört, jenerthut zn wenig. Der Verschlagene sucht immer und überall etwaszu gewinnen, der Einfältige nicht einmal, wo er sollte. Miß-günstig ist, wer mehr, als recht ist, über fremdes Glück Unlustempfindet; denn auch diejenigen, welche das Glück verdienen,erregen durch ihr Glück die Unlust der Mißgünstigen; der ent-gegengesetzte Affekt aber hat keinen eigenen Namen, zn verstehenhat man dabei Denjenigen, welcher es übertreibt in der Fern-haltung der Unlust, welcher also nicht einmal Unlust empfindet,wo Einer glücklich ist, der es nicht verdient, wer vielmehr leichtsich zufrieden gibt, wie der Vielfraß im Genuß, d. h. in derWahl der Speisen; während dagegen der schwer befriedigteMensch zur Mißgunst angelegt ist.

Es wäre nun überflüssig, ausdrücklich noch Bestimmungendarüber zu geben, daß die aufgezählten Eigenschaften nicht etwabloß accidentell gemeint sind; keine Wissenschaft, weder eine theo-retische noch eine praktische, stellt derartige Bestimmungen nochbesonders auf, vielmehr geschieht dieß bloß gegenüber von sophi-stischen Haarspaltereien. Wir wollen uns also mit den gegebenenBestimmungen genügen lassen, die genaueren Erklärungen werdenfolgen, wenn wir über die einander gegenüberstehenden Beschaffen-heiten und Zustände sprechen "). Man kann nun aber eben

st Im dritten Buch.