Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
19
Einzelbild herunterladen
 

19

dem Wissenschaft an, woraus denn folgt, das; man schwerlich be-haupten kann, die Untersuchung des Guten sei Gegenstand EinerWissenschaft.

Ferner: da, wo es ein Früher und ein Später gibt, gibtcs nicht etwas Allgemeines, das neben den Einzelndingen cxistirte,und zwar in gesonderter Existenz. Sonst gäbe es ja etwas, wasnoch früher wäre als das Erste, denn früher wäre das Allge-meine, gesondert Existirende, weil mit der Aufhebung des Allge-meinen auch das Erste aufgehoben würde. Z. B. wenn dasDoppelte das Erste ist vom Vielfachen, so ist es nicht möglich,daß das allgemein ausgesagte Vielfache gesondert existirt; sonstmüßte es früher sein als das Doppelte, wenn es richtig ist, daßdas Allgemeine die Idee ist, also wenn man das Allgemeine ge-sondert existiren ließe; denn wenn die Gerechtigkeit ein Gut ist,so ist es auch die Tapferkeit.

Nun behaupten sie ferner, es gebe ein Gut an sich, wobeidasan sich" beigefügt wird, um den allgemeinen Begriff aus-zudrücken. Aber was könnte damit Anderes gesagt sein, als daßes ewig ist und eine gesonderte Existenz hat? Allein was vieleTage lang weiß ist, ist durchaus nicht mehr weiß, als was nureinen einzigen Tag lang weiß ist, also ist auch das allgemeinGute, welches mit der Idee identisch sein soll, nicht besser, alsdas concrete Gute, denn es ist ja diesem allem gemeinsam.

Ueberdieß müßte der Beweis eines Guten an sich in einerWeise geführt werden, welche der bisher angewandten gerade ent-gegengesetzt wäre. Bisher nemlich wird aus dem, wovon garnicht allgemein zugegeben wird, daß es das Gute in sich habe,bewiesen, daß das gut sei, was allgemein als gut anerkannt wird,also aus den Zahlen das, daß die Gerechtigkeit und die Gesund-heit ein Gut seien; auf die Ordnungen nemlich und Zahlen wirddaraus geschlossen, daß den Zahlen und Einheiten das Gute zu-komme, weil das Eine das Gute an sich sei. Allein es sollteaus dem allgemein als gut Anerkannten, z. B. aus der Gesund-heit, der Stärke, der Selbstbeherrschung bewiesen werden, daßauch in dem Unbewegten, und zwar hier in höherem Grad, dasGute enthalten ist. Denn hier ist alles Ordnung und Ruhe;