Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
18
Einzelbild herunterladen
 

18

gehören. Sollen wir uns aber über diesen Punkt kurz fassen,so sagen wir:

Erstens: die Behauptung, daß es Ideen gebe nicht bloß fürdas Gute, sondern auch für irgend etwas Anderes, ist eitel Ge-schwätz und hat mit der Wirklichkeit nichts zu thun; hierüber sindbereits rucke Untersuchungen eingestellt worden sowohl in den exo-tcrischen *), als in den eigentlich philosophischen Schriften.

Zweitens: wenn es auch noch so wahr sein sollte, daß csIdeen und eine Idee des Guten gibt, so wäre doch sehr zu be-zweifeln, ob sie für ein gutes Leben und für das praktische Ge-biet irgend einen Werth hätte. Es hat nemlichdas Gute" garmancherlei, nemlich eben so viele Bedeutungen, als das Seiende.Das Seiende nemlich bedeutet, wie das anderswo im einzelnenausgeführt ist, theils das Was oder die Substanz, theils dieQualität, theils die Quantität, theils das Wann, überdieß theilsdas Bewegtsein, theils das Bewegen; und was nun das Guteinnerhalb seder einzelnen von diesen Katcgorieen betrifft, so ist esin der Kategorie der Sustanz das Denken und die Gottheit, inder des Wann der richtige Zeitpunkt, in der des Qualitativendas Gerechte, in der des Quantitativen das rechte Maß, inBezug auf Bewegung das, was lehrt und was gelehrt wird.Wie nun also das Seiende nicht bloß Eins ist in den genanntenBeziehungen, so auch uicht das Gute, und so gibt es auch nichtEine Wissenschaft für das Seiende, so wenig als für das Ente.Ja nicht einmal dasjenige Gute, was von ähnlichen Gesichts-punkten aus als gut bezeichnet wird, ist Gegenstand Einer Wissen-schaft, wie z. B. der rechte Zeitpunkt oder das rechte Maß, son-dern cs ist eine besondere Wissenschaft, die in jedem einzelnenFalle den richtigen Zeitpunkt oder das rechte Maß zu betrachtenhat, z. B. hinsichtlich der Nahrung ist die Untersuchung des rech-ten Zeitpunkts und des rechten Maßes Gegenstand der Arznci-knndc, resp. der Gymnastik, in dem Gebiet des Kriegs fällt esder Fcldherrnkunst zu, und so gehört jede Thätigkeit einer beson-

>) S. Zeller, Gesch. der gricch. Philos. II. 2 2 S. SS ff.

J,i der Kalegorieenlehre des Aristoteles oder des EudemoS selbst.