Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
7
Einzelbild herunterladen
 

7

Zweites Kapitel.

Die allgemeinen, negativen und die speciellen, positiven Voraussetzungender Glückseligkeit.

Hiebei wollen wir noch einen Augenblick stehen bleiben. Mankann annehmcn, daß jeder, welcher nach seinem eigenen Willenleben kann, irgend ein Ziel sich vor Augen stellt, das er ver-folgt, um zum glücklichen Leben zu gelangen, sei es Ehre oderRuhm oder Reichthum oder Bildung, und daß dieses Ziel es ist,worauf er alle seine Handlungen bezieht; denn zu leben, ohne einsolches Ziel zur Grundlage des Lebens zu machen, ist doch einZeichen von großem Unverstand. Nun muß man doch zuerst beisich ohne Ueberstürzung und ohne Leichtsinn einen Begriff darüberscststellen, welche Seite unseres Wesens es ist, worauf das glück-selige Leben beruht, und welches die Bedingungen sind, ohne welchedem Menschen das glückselige Leben nicht zu theil werden kann.Es ist nemlich keineswegs Eins und dasselbe, ob man z. B. ge-sund ist, oder dasjenige besitzt, ohne was man unmöglich gesundsein kann. Und wie bei der Gesundheit, so ist es auch in vielenandern Fällen, wie denn auch das glückselige Leben nicht identischist mit dem Vorhandensein desjenigen, ohne was es nicht möglichist, glückselig zu leben. Es sind nemlich manche hicher gehörigeMomente nicht der Gesundheit, resp. dem glückseligen Leben eigen-thiimlich, sondern eigentlich allen gemeinsam, sowohl den Zustän-den, als den Handlungen; so kann uns z. B. nichts Gutes undnichts Schlimmes widerfahren, ohne daß wir athmen, wachen oderuns bewegen können; andere Momente sind eigenthümlich undgehören specifisch zum Wesen eines gewissen Dings, ein Unter-schied, worüber man ganz im Klaren sein muß. Es ist ja z. B.für die Gesundheit das Essen von Fleisch und das Spazieren-gehen nach dem Essen von ganz anderer Bedeutung, als die ebengenannten Punkte °). Hierin aber liegt der Grund, weßhalb manüber das Wesen und das Zustandekommen der Glückseligkeit im

>) Rihmen, wache» u. s. s.