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1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
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Neuntes Kapitel.

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wenn wir beim Vorhandensein aller der Bedingungen, welche alserforderlich gelten, um ein guter, und anderer Mensch zu werden, zurTugend gelangen.

6. Ein guter Mensch wird man, meinen Einige, durch Natur-anlage, Andere meinen, durch Gewöhnung, Andere endlich, durchLehre und Unterricht. Was nun die von der Natur ausgehendeFörderung betrifft, so ist klar, daß dieselbe nicht in unserer Handliegt, sondern durch eine Art göttlicher Fügung den wahrhaftenGlückskindern zu Theil wird. Was aber mündliche Lehre und Un-terricht anlangt, so fürchte ich, haben dieselben nicht bei Allen gleicheKraft, sondern die Seele des Zuhörers muß bereits im Voraus durchGewöhnung aller Art dafür bearbeitet sein, auf die richtige WeiseFreude und Haß zu empfinden ^), wie das Ackerland, das den Samengroßnähren soll. 7. Denn ein Mensch, der gewohnt ist, sein Lebennach sinnlichen Eindrücken zu führen, hört schwerlich auf eine ab-mahnende Rede, ja er dürfte sie kaum verstehen. Wie ist es alsomöglich, einen solchen Menschen durch Worte eines Andern zu über-zeugen ! Gilt eS ja doch im Allgemeinen für feststehend, daß dieLeidenschaft nie dem vernünftigen Zureden weicht, sondern nur derGewalt.

8. ES muß also, ehe die vernünftige Rede wirken kann, eineder Tugend verwandte sitttliche Beschaffenheit vorher da sein, diedas Sittlichschöne liebt und das Sittlichhäßliche haßt. Aber es istein schwieriges Ding, von Jugend an eine richtige Erziehung zurTugend zu erhalten, wenn man nicht unter Gesetzen, welche dahinzielen, erzogen worden ist. Denn maßvoll und enthaltsam zu lebenkommt dem Menschen sauer an, zumal in der Jugend, darum müssenErziehung und Beschäftigungen der Jugend durch gesetzliche Jn-

5) Arist. Politik VIII, Kap. 5, §. 5:Die Tugend besteht darin, sich aufdie rechte Art zu freuen". Dazu, lehrt Aristot., ist Gewöhnung vor Allemnöthig. Vgl. a. a. O. §. 5ü. Politik VII, Kap. 13, §. 2l.

b) Bei Erziehung ist hier besonders auch an Ernäbrung, Diät und son-stiges Leibliche zu denken, wie das griechische Wort <V(>oP>s) lehrt. Bgl. Ari-stoteles Politik VIII, Kap. 3, §. 2 ff.