388
Zehntes Buch.
3. Freilich, wenn die Lehren der Theoretiker schon an sich hin-reichend wären, uns zu tugendhaften Menschen zu machen, dannwürden sie allerdings, wie Theognis ') sagt, „vielen und großenLohn mit Recht verdienen", und es würde unsere Pflicht sein, dieseLehren uns zugänglich zu mache». Jetzt aber sehen wir, daß sie zwardie edlen Gemiither unter den Jünglingen fördern und zur Tugendanspornen, und einen sittlichen Charakter von edler Natur und derwahrhaft das Schöne liebt, dabin bringen können, sich ganz von derTugend erfüllen und beherrschen zu lassen, daß sie aber unvermögendsind, die große Masse der Menschen zur Kalopathie 2) zu fördern.Denn diese große Masse ist nicht gelaunt, dem Impulse ehrfurcht-voller Scheu Folge zu leisten, sondern nur der Furcht; sic enthältsich des Schlechten nicht wegen des Schimpflichen, das in demselbenliegt, sondern wegen der darauf gesetzten Strafen. Denn da sie bloßnack sinnlichen Eindrücken lebt, strebt sie nur nach den dieser Sinn-lichkeit eigenthümlichen Genüssen und nach den dazu führenden Mit-teln, und flieht die diesen entgegengesetzten Schmerzempfindungen.Von dem Schönen hingegen und von dem wahrhaft Lustbringendcnhat die große Masse der Menschen nicht einmal einen Begriff, da sicbeides nie gekostet haben ^).
g. Welche theoretische Lehre vermöchte es also, solcher ArtMenschen umzustimmen? Es ist ja unmöglich, oder doch nicht leicht,das von lange her im Charakter Festgewurzelte durch Lehre um-zuändern. Ja man kann, sollt' ich meinen, schon sehr zufrieden sein,
>) lieber diesen antiken hellenischen KreuzzcitungSdichter, der, selbst einBvllblutjunker, seine Vollblnitheorie poetisch in ,,Elegien" darstellte, s. Duncker,Gesch. des Alterth. IV, S. 58 ff. — 7r. Den Gedanken selbst, de» hier Ari-stoteles ausspricht von der Unzulänglichkeit der theoretischen Belehrung, trägtEuripideS im HippolytuS V. 9 >8... Valck. lebhaft vor. Vgl. nun. klic. l,Z. zu Ende.
D. h. zur vollkommenen Tugend. Der Ausdruck ist Platonisch undkommt in der ganzen Aristotelischen Ethik nur »och einmal (IV, Kap. 3, §. lb>vor. S. daselbst meine Anmerk. und Biese II, S. 298, S. 330 u. 329.
S) Vgl. den Brief des Apostels an die Ebräer Kap. VI, Vers 4.
4) HoratiuS führt in der zweiten Epistel des ersten Buchs diesen Gedankensehr eindringlich ans V. L4—70.