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Zehntes Buch.
voll '2) und nicht um ihrer selbst willen wünschenswerth, sondernnur Mittel zu einem gewissen andern Zwecke sind, — während da-gegen die denkende Vernunstthätigkeit, als rein beschauliche, ebenso-wohl an Ernst und Würde voransteht, als sie außer ihr selbst garkeinen andern Zweck und dazu noch ein ihr eigenthümliches Vergnü-gen in sich hat, das wiederum geeignet ist, ihre Thätigkeit steigernzu helfen, und wenn wir endlich sehen, daß somit auch die Selbst-genügsamkeit, der Genuß der Muße, die Befreiung von aller stören-den Hcmmniß, so weit dies für einen Menschen möglich, und alleEigenschaften, die man sonst noch mit dem Begriffe eines „Glück-seligen" verbindet, sich bei dieser Thätigkeit zusammenzufinden: sokönnen wir wohl unbedenklich sagen, daß diese die vollkommeneGlückseligkeit des Menschen ist, vorausgesetzt, daß sie wäh-rend seiner ganzen Lebensdauer anhält; denn Alles, was zurGlückseligkeit gehört, muß vollständig sein.
8. Allein ein solches Leben dürfte doch ein höheres sein, alsdem Menschen als solchem beschicken ist. Denn ein solches Leben wirder nicht leben können, insofern und weil er Mensch ist, sondern nurinsofern etwas Göttliches in ihm vorhanden ist; und in demMaße, in welchem dieses über den Menschen als ein zusammengesetz-tes Wesen überwiegt, in demselben Maße wird auch die Thätigkeitdes erstem vor der Thätigkeit jeder seiner sonstigen Tugenden hervor-ragen. Ist nun aber — wie wir bereits wissen — die denkende Ver-nunft, im Vergleich zu dem Menschen ^), wirklich ein Göttliches, soist auch das Leben im reinen Denken, verglichen mit dem men sch-lich e n Leben, ein göttliches. Wir dürfen aber nicht auf die Stim-men derer hören, welche uns zurufen: „weile mit deinen Gedankenund Gesinnungen im Bereiche des Menschlichen, denn du bist einMensch, und im Bereiche des Vergänglichen, denn du bist vergäng-lich!" ") sondern es kommt dem Menschen zu, daß er sich so weit
>2) Aristoteles sagt „mußelos".
D. h. zu dem aus Geist und Leib zusammengcsehten Menschen alsGanzes betrachtet.
Ein vielfach in Poesie nnd Prosa der Griechen vvrkommendcr Gemein-platz, über welchen Mitscherlich in seinem Cvmmentare zu den Oden des Horaz