Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
335
Einzelbild herunterladen
 

Siebentes Kapitel.

335

geht das gemeinsame Gut verloren. So geschieht.es ihnen denn,daß sie fortwährend in Zwist sind, indem Jeder den Andern zwingenmöchte, gerecht zu handeln, aber Keiner selbst gerecht handeln will.

Siebentes Kapitel.

Es ist ein Erfahrungssatz, daß Wohlthäter die Gegenständeihres Wohlthuns mehr lieben, als diese Letzteren ihre Wohlthäter,und man forscht darüber nach, als über etwas der Vernunft derDinge Zuwiderlausendes.

Die meisten Philosophen sind der Ansicht, der Grund liegedarin, daß die Einen Schuldner, die Andern Gläubiger seien. So-wie also bei den wirklichen Darlehnsverhältniffen die Schuldner al-lerdings wünschen, daß es keine Gläubiger geben möchte, denen sieschuldeten; während die, welche das Darlehn gemacht haben, sogarsehr wesentlich besorgt sind, daß es ihren Schuldnern gut gehe, sowünschten auch die Wohlthäter, ihre Schützlinge wohlerhalten zusehen, um einst von ihnen gebührende Dankbeweise zu erndten, wäh-rend diesen die Abtragung ihrer Dankesschuld durchaus nicht amHerzen liege. Epicharmos ') würde nun wahrscheinlich sagen: einesolche Ansicht habein der Schwarzseherei" derer, die sie hegen,ihren Grund. Aber etwas in der Menschennatur Begründetes hatsie dennoch; denn die meisten Menschen vergessen leicht,und wollen weit lieber Gutes empfangen als thun ^).

6) D. h. dasjenige, um das es beiden Theilen zu thun ist.

Epicharmos, dramat. Dichter des 5. Jahrhunderts, als feiner Men-schenkenner von Plato unb Aristoteles gerühmt, Vorbild des Horaz <s. Schmidzu Horat. Episteln II, I, 581.

2) Vgl. oben IV, Kap. z, §. 25. und Kap. l, h. 37. Auch dem Ari-stoteles, wie asten großen Menschen, ist also diese traurige Erfahrung nichterspart worden, die unser Goethe in so manchem schwermüthigem Worteausspricht:

Wirf deine Kuchen in das Meer!

Sieht es der Fisch nicht, sieht'S der Herr.

Aristoteles selbst kommt ans diesen Gedanken von der Undankbarkeit und dem