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Neuntes Buch.
Anwesenheit Verlangen empfindet. Gerade so ist es denn auch un-möglich, daß zwei Menschen Freunde werden, wenn sie nicht zuvorgegenseitiges Wohlwollen gehegt haben; aber darum sind doch wohl-wollende Menschen noch nicht Menschen, die sich mit Frcundschasts-neigung lieben. Denn wenn man Einem wohl will, so hegt man bloßden Wunsch, daß es ihm gut gehe, hat aber darum noch durchausnicht Lust, an ihrem Leben und Thun sich thätig zu betheiligen, odergar sich für sie Beschwerden zu unterziehen. Man könnte daher ganzgut sagen, das Wohlwollen sei, metaphorisch zu reden, eine Freund-schaft in trägem (ruhendem) Zustande, und werde erst, wenn Zeit undlängerer Umgang dazu kommen, zur wirklichen Freundschaft, d. h.nicht zu derjenigen, deren Grund der Nutzen oder das Vergnügenist, denn diese beiden Dinge sind auch für das Wohlwollen selbst niedie bedingenden Gründe. Denn wer Wohlthaten empfangen hat,erfüllt bloß die Pflicht der Gerechtigkeit, wenn er für das Empfan-gene dem Geber Wohlwollen zollt; wer dagegen das Wohlergeheneines Andern deßwegen wünscht, weil er davon selbst Vortheil fürsich zu ziehen hofft, der ist nicht sowohl wohlwollend gegen Jenen,als vielmehr gegen sich selbst, sowie auch der kein wahrer Freundist, der einem Andern Aufmerksamkeiten erweist, um ihn für sich zubrauchen ^).
4. Ueberhaupt ist Wohlwollen eine Gesinnung, welche durchgewisse sittliche Vorzüge und edle Eigenschaften erweckt wird, wennuns Jemand als schön und gut, tapfer u. s. w. erscheint, wie ichdas auch in dem Beispiele von den Preiswettkämpfern angedeu-tet habe.
4) Der ganze Schluß dieses schönen Kapitels zeigt, daß Aristoteles unterdem Wohlwollen, welches der Ursprung <«(>^> der wahren Freundschaft ist,jenes rein menschliche, uneigennühige, nur durch das Schöne und Gutein der menschlichen Brust erweckte Empfinden versteht. Das Wohlwollen, daseines Andern Gluck und Erfolg wünscht, weil es davon zu profitiren hofft, istgemeiner Egoismus, Gesinnung gemeiner Menschen. (S. VIII. Kap. 8).