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Neuntes Buch.
der Andere dagegen sich zu einem der trefflichsten Männer entwickelt,wie können sie da noch Freunde sein, da die Gegenstände ihres In-teresses eben so verschieden sind, als die ihrer Freuden und Schmer-zen? Ja, auch das ganze Thun und Lassen des Einen kann denAndern nicht mehr interessircn, und doch ist ohne dies, wie wir ge-sehen haben, Freundschaft zwischen zwei Menschen nicht möglich, dennes ist keine Gemeinschaft des Lebens möglich. Doch davon ist früherdie Rede gewesen*").
5. Es fragt sich hier also nur noch: Soll man sich gegen einenSolchen durchaus nicht anders verhalten, als wenn er uns niemalslieb und werth gewesen wäre? Oder ist es nicht Pflicht, das An-denken an das einstmalige trauliche Verhältniß zu bewahren, undebenso, wie wir Freunden eher Freundlichkeit erweisen zu müssenglauben, als Fremden''), auch den ehemaligen Freunden eben wegender früher bestandenen Freundschaft eine gewisse Berücksichtigung wie-dcrfahrcn zu lassen, wenn die Auflösung der Freundschaft wegen einesübermäßigen Grades von Schlechtigkeit erfolgt ist '^).
Viertes Kapitel.
Die Freundschaftspflichten gegen unfern Nächsten und die Ge-sinnungen und Handlungen, welche den Begriff der Freundschaft bil-
0) S. oben VIII, Kap. 6, §. 4; Kap. 5, §. 3.
S. VIII, Kap. 7, §. 4.
"> S. VIII, Kap. >2 zu Ende und §. k; Kap. 9, §. 3; IX, Kap. 9,§. 2—3.
Hier, wie kaum an einer andern Stelle, tritt in dem ernsten undstrengen Denker der fein- und zartfühlende Mensch leuchtend hervor. Das Ge-fühl, daß die Liebe des Freundes j» de», Gespielen seiner Jugend, des Bruders
zum Bruder, selbst wenn alle Bande zerrissen scheinen, nie ganz erstirbt, dies
Gefühl, daß noch in der Asche der Funke bewahrt bleibt, war auch in dem
Lieblingsdichter des Aristoteles, in dem tiesfühlenden Euripides, lebendig, wenner seinen PolyncikeS sterbend die Worte sprechen läßt:
Zum Feinde ward der Freund mir, und doch — blieb er Freund!
Den hier von Aristoteles ausgesprochenen Gedanken bat Cicero in seinem LäliuSvor Augen gehabt. S. srlntoteli» II, S. I7K—177.