Drittes Kapitel.
325
Nun ist aber bekanntlich das Schlechte weder liebenswürdig, nochgibt es irgend eine Pflicht, es zu lieben, denn „Freund desSchlechten darf man nie sein, noch sich stellen gleich und gleich mitdem Nichtswürdigen." Ich habe aber gesagt, daß das Gleichedem Gleichen freund ist. ")
Soll man nun mit solchen Freunden auf der Stelle brechen?Ich denke, nicht immer und überall, sondern nur mit solchen, die inihrer Schlechtigkeit als unheilbar verharren. Solchen hingegen, dienoch einer Besserung sich fähig zeigen, sittlich zu Hülse zu kommen,ist in noch höherem Grade Pflicht, als cs Pflicht ist, einem Freundemateriellen Beistand zu leisten, da jene Hülfsleistung eine höhereund vorwiegend der Freundschaft cigenthümliche ist. ?) Wenn in-dessen Jemand in solchen Fällen die Freundschaft bricht, so kannman allerdings nicht sagen, daß seine Handlungsweise tadelhaft sei,denn er war ja nicht Freund des Andern, als eines solchen schlechtenMenschen ^). Er verläßt denselben daher, wenn er sich geändert hat,sobald er sich von der Unmöglichkeit überzeugt, ihm wieder aufzu-helfen.
4. Aber setzen wir den Fall, daß der Eine bleibt, wie er war,der Andere aber sittlich vollkoinmner wird und Jenen an Tugendweit hinter sich läßt, soll da der Letztere den Elfteren noch fort undfort als seinen Freund behandeln, oder ist dies nicht möglich? DieseFrage wird am besten durch solche Fälle erläutert, wo der trennendeAbstand sehr groß ist, wie z. B. in den Knabenfreundschaften. Wennnämlich hier der Eine an Verstand und Bildung ein Knabe bleibt,
4) Ich lese im Texte: oürx clh Ptgyror' ro ourx äse.
5) Wohl ein Citat aus irgend einem Dichter.
S. zu VIII, Kap. I, h. S.
?) Goethe:
Es fehlt der Mensch und darum hat er Freunde!
Es haben gute weise Menschen sichDazu gebildet, daß sie den GesallnenMir leichter Hand erheben, IrrendeDie rechten Wege leitend, näher bringen,b) Sondern er hielt ihn für einen guten Menschen. Ich übersehe nachder Lesart oon Korais.