Dreizehntes Kapitel.
307
einander gleich sind, oder einer den andern an Werth und Leistun-gen überragt — denn bei der auf Tugend beruhenden Freundschaftschließen ebensowohl gleich Gute mit einander Freundschaft, als einBesserer mit dem Geringeren, und ebenso kann bei Personen, beidenen das Angenehme oder das Nützliche die Basis der Freundschaftbildet, das, was der Eine dem Andern leistet, ein Gleiches oder einUngleiches sein — so ist die erste Regel: die Gleichen haben diePflicht der Gleichheit, an Liebe und sonstigen Freundschaftsbeweiseneinander nach d em Gleichheitsverhaltnisse Gleiches zu lei-sten, während dagegen die Ungleichen werden sich so auszugleichenhaben, daß der Geringere etwas zu leisten strebt, das den höherenLeistungen des Andern analog ist.
2. Die bekannten gegenseitigen Anklagen und Vorwürfe kom-men aber entweder allein oder doch vorzugsweise nur in der aus denNutzen basirten Freundschaft vor, und das hat seinen guten Grund.Denn die Freunde, welche es um ihrer Tugend willen sind, strebennach nichts eifriger, als einander Gutes und Liebes zu thun, weildies eben das Eigenthümliche der Tugend und Freundschaft ist.Unter Menschen aber, deren Wettstreit dies Ziel hat, kann es An-klagen und Streitigkeiten geben; denn kein Mensch ist böse aus den,der ihm Gutes thut, .sondern wenn er ein freies Herz hat, ist seineeinzige Waffe dagegen, daß er jenem selbst wieder Gutes thut. DerFreund aber, der es dem Andern an Tugend und Leistungen zuvor-thut, wird sicherlich daraus, da er ja erlangt, was er wünscht, demFreunde keinen Vorwurf machen; denn sowohl er, wie sein Freund,wünschen ja beide das Gute zu thun.
3. Auch da, wo Vergnügen das Bindemittel der Freundschaftist, kommt es zu solchen gegenseitigen Anklagen nicht leicht. Dennwenn Jeder an dem täglichen Verkehr mit dem Andern sein Ver-gnügen hat, so hat er ja, was er begehrt. Ja, ein Mensch, dereinem solchen Freunde darüber Vorwürfe machen wollte, daß ihn
2) Cicero in seinem Unverstände sucht diesen Gedanken, der ihm nicht zuKopfe will, mit allerhand wohlseiieu Tiraden lächerlich zn mache» sin seinemLäliuS Kap. lk, §. L8.) und bedenkt nicht, daß er selbst denselben (Kap. s,§. 3r.) Satz vorher richtig hingestellt hatte.
20