Aclüeö Huck.
Erstes Kapitel.
Im Anschluß an das Vorhergehende haben wir jetzt von derFreundschaft zu handeln; denn fie ist gewissermaßen eine Tugend'),oder doch mit Tugend eng verbunden. Dazu auch ein im höchstenGrade nothwendiges Bedürfniß für das menschliche Leben; denn einLeben ohne Freunde möchte sich gewiß kein Mensch wünschen, wenn erauch alle andern Lebensgüter sämmtlich besäße^). Gilt es dochsogar als ausgemacht, daß den im Besitze von Rcichthum, hohenStellen und Herrschermacht Befindlichen Freunde am meisten vonNöthen sind. Denn was helfen ihnen solche äußerliche Glücks-umstände, wenn ihnen die Möglichkeit genommen ist, jenes Wohlthun
i) Der griechische Ausdruck für „Freundschaft" wird hier von Aristotelesin doppelter Bedeutung genommen, einmal nämlich in dem Sinne, in welchemer die Disposition des Menschen bezeichnet, zu Folge deren derselbe geneigtund fähig ist, Freund zu sein. In dieser Bedeutung ist die „Freundschaft",eine Tugend, d. h. ein Mittelmaß zwischen zwei Extremen, der Schm ei.chelei und der Mvrosität (s. Ltiiie. Me. II, Kap. 7, tz. 13; Luckm. II, Z).Zweitens aber bedeutet dasselbe, was unser Wort „Freundschaft", d. h.
das aus solcher Beschaffenheit hervorgehende Berhältniß zweier Menschen;und dieses ist es, von dem gesagt wird, daß es mit Tugend eng verbunden sei,nicht ohne Tugend bestehen kbnne. Dies sah schon NiccobvnuS. Aristotelesselbst aber sagt uns im s. Kapitel des IV. Buchs, daß die Sprache eigent-lich für die Bezeichnung des erstercn Begriffs kein Wort hat, und nur
das am meisten passende sei.
2> S. Buch IX, Kap. S, §. 3.