256
Si-benreS Buch.
2. Nun gibt es aber auch Menschen, die bei ihrer einmal ge-faßten Ansicht verharren, welche man Starrköpse nennt, wie z. B.die schwer oder gar nicht zu Ueberzeugenden. Solche Menschenhaben eine gewisse Aehnlichkeit mit dem festen Charakter, wie derVerschwender mit dem Freigebigen, der Verwegene mit dem Muthi-gen; aber sie sind doch vielfach von denselben verschieden. Der festeCharakter nämlich ist der, der sich durch Leidenschaft und Begierdenicht umstimmcn läßt, während er vorkommenden Falls sich durchVernunstgründe leicht bewegen läßt; der Andere dagegen läßt sichvon der Vernunft nicht bewegen, während dagegen Leute seiner Artden Begierden zugänglich sind, und sich von den sinnlichen LüstenHinreißen lassen. — 3. Starrköpfige Menschen sind aber die ineigenthümliche Meinungen Verrannten, die ungebildeten und rohenMenschen, und die Verranntheit in eigenthümliche Meinungen hin-wiederum geht hervor aus den Empfindungen von Lust und Unlust.Sie haben nämlich ihre Freude daran, daß sie Sieger bleiben, wennsie sich nicht eines Andern belehren lassen, und cs macht ihnen einenunangenehmen Eindruck, wenn ihre als Gesetze aufgestellten Behaup-tungen sich als ungültig erweisen. Sie gleichen daher mehr demUnenthaltsamen, als dem Enthaltsamen.
L. Es gibt aber auch Menschen, welche bei ihren Ansichtennicht verharren, ohne daß sie darum der Vorwurf der Charakter-schwäche trifft, wie z. B. der Neoptolemos in Sophokles' Philoktet.Zwar ändert er seinen Vorsatz wegen eines Vergnügens^), aber esist ein edles. Denn Wahrheit zu reden erschien ihm als sittlichePflicht, und nur Odysseus' Ueberredung hatte ihn dazu gebracht, zulügen. Nicht Jeder nämlich, der um seines Vergnügens willen etwasthut, ist darum auch schon ein zügelloser oder ein sittlich schlechteroder ein unenthaltsamer Mensch, sondern nur derjenige, welcher etwasthut um eines moralisch verwerflichen Vergnügens halber.
5. Nun gibt es aber auch eine menschliche Sinnesart, die soB-». beschaffen ist, daß ihr Träger weniger Gefühl für die körperlichen
3- D. h. um der Befriedigung Millen, welche er empfand, indem er dieihn drückende Lüg- aufgad und die Wahrheit sagte. Dgl. oben zu Kap. r,h. 7 dieses Buchs.