Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
224
Einzelbild herunterladen
 

224

Sechstes Buch.

9. Bekanntlich gibt es eine Seelenkraft, welche in unsererSprache den NamenGenie" führt. Sie besteht darin, daß der,der sie besitzt, im Stande ist, alles dasjenige, was zu seinem Vorge-setzten Zwecke und Ziele erforderlich ist, insgesammt ins Werk zusetzen und zu beschaffen. Ist nun dies sein Ziel ein schönes, so istjene Befähigung eine löbliche; ist es ein schlechtes, so ist sie Fähig-keit zu Allem ^). Darum nennt man denn auch wohl die Klugengefährliche" und zu Allem fähige Leute. 10. Nun ist zwar dieKlugheit nicht dasGenie", aber sie ist doch nicht ohne diese Kraftmöglich, als Fertigkeit gestaltet sie sich in diesem Seelenblickenicht ohne Tugend ?), wie ich das schon gesagt habe und wie es aufder Hand liegt. Das Schlußverfahren im praktischen Leben §) istnämlich dies:weil dies und dies der Endzweck und das Beste ist,so folgt daraus, daß", man nehme beispielsweise irgend einenbeliebigen Schlußsatz. Dies aber (das Beste) erscheint nur demTugendhaften als ein solches. Denn die Charakterschlechtigkeit ver-fälscht die Einsichten im Augenblicke des Handelns und macht, daßman sich über die Prinzipien seines Handelns täuscht. Aus allemdiesem leuchtet ein, daß es unmöglich ist, (praktisch) klug zusein, ohne tugendhaft zu sein.

5- Griechisch velnoii-s (ckkt^ori)?). Für uns kaum auszudrücken. ESia die gewaltige, das gewöhnliche Maß übersteigende Befähigung einesMenschen, die sich im Guten wie i»i Bösen bethäkigen kann. Ein Napoleon I.,ein Danton, besitzen sie so gut, wie ein Demosthenes ober ein Shakespeare.Ein Napoleon III. ist das Genie, besitzt die Veinvi-s der DeSpotenkunst. Manlese die sofort folgende Definition, die der Philosoph von dieser Eigenschaft gibt,und denke an den zweiten December 185 l und die ihm folgenden Thatendesschrecklichen" (ckkt»-öx gefährlich, schrecklich!) Mannes an der Seine.S. unten Vll, lv. §. r.

b) Der griechische Ausdruck bedeutet wörtlichFähigkeit zu

Allem", meist in dem Sinne höchster Schlechtigkeit.

') Biese II, S. 243.

a, S. Kap. I l dieses Buchs g. s. SS ist der durch Erfahrung geschärfteBlick der Seele, den Aristoteles Klugheit nennt.

4) Die Schlüffe, welche die Klugheit richtig machen lehrt.