Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
222
Einzelbild herunterladen
 

222

Sechstes Buch.

Die praktische Klugheit hingegen thut das zwar; aber wozu bedarfes ihrer, wenn es fest steht, daß die praktische Klugheit sich mit demGerechten, Schönen und Guten im menschlichen Leben beschäftig!,was doch lauter Dinge sind, welche der tugendhafte Mann ja schonpraktisch ausübt, und wenn es sestsieht, daß wir doch dadurch, daßwir wissen, was gut, gerecht und schön ist, um nichts fähigerwerden, diese Dinge praktisch auszuübcn? Denn die Tugenden findja Fertigkeiten (k§kt^). Es ist damit, wie mit der Gesundheit undmit der Wohlbeschaffenheit, und mit allen ähnlichen Dingen, dienicht davon ihren Namen haben, daß man sie macht und hervor-bringt, sondern von der bestimmten Beschaffenheit, wo wir auch umnichts mehr befähigt sind zur Praxis dadurch, daß wir die bloßeKenntniß der Arzneiwissenschaft und der Gymnastik besitzen.

2. Wenn wir also das Prädikat praktisch klug nicht dcßhalb,sondern darum zu crtheilen haben, daß ein praktisch Kluger gut,gerecht und schön wird, was kann da dem, der bereits in Wirklich-keit ein tugendhafter Mann ist, die praktische Klugheit nützen, oderwas kann sie selbst dem nützen, der sic nicht besitzt, da es ja einerleiist, ob er sie besitzt, oder ob er dem Folge leistet, der sie besitzt?Es ist damit, könnte man sagen, gerade so, wie mit der Gesundheit.Wir wollen alle gesund sein und stndiren darum doch nicht alleMedizin.

3. Zu diesen Schwierigkeiten gesellt sich noch folgende. Mankönnte sagen, es sei wunderlich, daß die Klugheit, da sic doch fürgeringer gilt, als die Weisheit, andererseits wichtiger und bedeuten-der sein solle, da sie als hervorbringende Tugend das Leben desMenschen beherrscht und im Einzelnen befiehlt.

Hierüber nun müssen wir uns erklären, denn bis jetzt habenwir bloß erst die Schwierigkeiten angezeigt.

4. Erstens also sagen wir: daß sie -) schon an und für sichwünschenswerth sein müssen, da ja beide Tugenden je einer derbeiden Theile der Seele sind, auch wenn keine derselben irgend etwas

2) D. h. die Klugheit und die Weisheit.3- D. h. einen absoluten Werth haben.