Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
178
Einzelbild herunterladen
 

178

Aristoteles, Nikomachische Ethik.

das Unrechtthun stattfindet, findet auch Ungerechtigkeit statt. Dieseletztere besteht aber darin, daß einer sich von dem absolut Gutenmehr, als ihm zukommt, und dagegen von dem absolut Übelnweniger zuteilt, als ihm zukommt.

5. Darum lassen wir (im Staatsvereine) nicht einen Men-schen herrschen, sondern die Vernunft, weil jener die Herrschaftzu seinem Nutzen ausbeutet und so Tyrann^ wird. 6. ZnWahrheit aber ist der Herrschende Wächter des Rechts und, wenner dies ist, auch der Gleichheit. Und weil er einsieht, daß ihmselbst kein Vorteil daraus entsteht, wenn er gerecht ist denn erteilt sich von dem absolut Guten durchaus nicht mehr zu, außerwas dem Verhältnisse gemäß ist, so wirkt er eigentlich füreinen andern; und darum sagt man denn auch, wie das schonfrüher erwähnt wurdet die Gerechtigkeit sei ein Gut, das einemanderen zu gute komme. 7. Man muß ihm daher auch einengewissen Lohn geben, der in Ehre und Amtsansehen besteht; be-gnügt er sich freilich damit nicht, so wird er und seinesgleichenTyrannen.

8. Was das Recht des Herrn über seine Sklaven und desVaters über seine Kinder anlangt, so ist dasselbe nicht identischmit dem, was im Staatsverbande Recht ist, sondern hat mit diesemnur eine gewisse Ähnlichkeit. Denn es gibt keine Ungerechtigkeitgegen das, was einem absolut eigen ist; der Sklave aber als Eigen-tum des besitzenden Herrn und das Kind, so lange es in einemgewissen Alter steht und sich nicht vom väterlichen Hause selbstän-dig abgetrennt hat, sind beide gleichsam ein Teil des Herrn unddes Vaters, und sich selbst zu schädigen beabsichtigt niemand. 9. Darum gibt es auch keine Ungerechtigkeit gegen sich selbst,und demnach findet also auch in diesen Verhältnissen weder einUnrecht, noch ein Recht im staatsbürgerlichen (politischen) Sinnestatt. Denn wie wir sahen, beruhte dies beides auf dem Gesetzeund galt nur für die, für welche das Gesetz ein natürliches Bedürf-nis war; das waren aber, wie wir sahen, die, unter denen die

7. Vgl. die schöne Stelle in Aristoteles, Politik III, Kap. 11, 8 4.

8. S. oben V, Kap. I, § 17.