Drittes Buch. Elftes Kapitel?
107
geschlossen; denn nicht das Gefühl am ganzen Körper ist es, mitdem der Unmäßige zu thun hat, sondern nur mit dem Gefühle ge-wisser Teile desselben.
Elftes Kapitel.
1. Von den sinnlichen Begierden sind die einen allen Menschengemein, die anderen individuell eigentümlich und künstlich an-geeignet. Die Begierde nach Nahrung z. B. ist eine natürliche,denn jeder begehrt, wenn er das Bedürfnis fühlt, nach trockenerund feuchter Nahrung, zuweilen auch nach beiden zusammen, so-wie nach einem Weibe für sein Lager, wie Homer sagt, wenn erjung und rüstig ist*; aber das Verlangen nach der und der be-stimmten Nahrung oder nach dem und dem bestimmten Weibe hatschon nicht mehr jeder Mensch, ja nicht einmal einundderselbeMensch beständig. — 2. Daher erscheint ein solches Begehren alsunser freier Wille, wiewohl zuzugeben ist, daß eine gewisse natür-liche Ursache auch hier zu Grunde liegt. Denn dem einen gewährtdies, dem andern jenes Genuß, und wiederum gibt es mancheDinge, die für alle Menschen angenehmer sind als dies und jenesbeliebige andere.
3. Was nun die natürlichen Begierden angeht, so fehlendarin nur wenige und zwar immer nur in einer Hinsicht: im Zu-viel. Denn alles, was einem vorkommt, essen und trinken bis manübervoll ist, heißt dies natürliche Bedürfnis durch die Masse über-schreiten, denn die natürliche Begierde geht nur auf Ausfüllungdes Mangels. Die Sprache hat daher für solche Menschen die
mit Reiben und Kneten des Körpers verbundenen Bäder des Orients, fürgroße den Körper erfrischende Genüsse galten.
l. Anspielung auf Homer, Ilias XXIV, 129 ff., wo The'tis zu ihremin Trauer versunkenen Sohne Achi'll sagt:
Trautestes Kind, wie lange gedenkst du noch, klagend und jammerndDir zu verzehren das Herz, nicht achtend des Tranks und der Speise,
Oder des Schlafs? Gut wäre dir's wohl zu umarmen ein Mägdlein!