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Aristoteles, Nikomachische Ethik.
Zehntes Kapitel.
1. Nach der Tapferkeit wollen wir von der MäßigkeitB-kk. sprechen; denn diese beiden Tugenden rechnet man allgemein zu
den vernunstlosen Partieen der Seele.*
Daß die Mäßigkeit ein mittleres Verhalten in Bezug aufGenüsse ist, haben wir bereits gesagt^; sie hat es nämlich zwarauch-,mit den^schmerzhaften Empfindungen zu thun, aber in ge-ringerem Grade und nicht in gleicher Weise (wie die Tapferkeit).In demselben Bereiche bewegt sich auch die Unmäßigkeit. WelcherArt Genüsse es aber sind, mit denen es die Mäßigkeit zu thun hat,das werden wir jetzt zu bestimmen versuchen.
2. Man unterscheide zunächst die geistigen von den körper-lichen. Zu den ersteren gehören z. B. Befriedigung des Ehrgeizesund des Wissensdranges. Denn sowohl der Ehrgeizige, als derWißbegierige freut sich, wenn er das erlangt, wonach er begehrt,obschon sein Körper gar keine, sondern nur sein Denkvermögen eineEmpfindung davon hat. Von dem Maßhalten oder Ausschweifenin dieser Art Genüssen werden nun die Bezeichnungen „mäßig"und „unmäßig" in der Sprache nicht gebraucht und ebenso auchnicht von allen anderen nicht körperlichen Genüssen. Denn dieredseligen und stets zum Geschichtenerzählen Aufgelegten und ihreTage mit allem und jedem Schwatz Durchbringenden nennen wir„Schwätzer", aber nicht „Unmäßige", und ebensowenig nennenwir die Unmäßige, welche immerfort über ihre Freunde oder ihrVermögen zu klagen lieben.
3. Also mit den sinnlichen Genüssen hat es die Mäßigungzu thun, aber auch in diesem Bereiche nicht mit allen. DennLeute, die an Gegenständen des Gesichts, an farbiger und plastischerSchönheit und Malerei Freude haben, heißen weder mäßig nochunmäßig, —kobschon man füglich meinen könnte, es müsse auch in
1. Vgl. I, Kap. 13, § 11.
2. S. oben II, Kap. 7, § 3.