Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
88
Einzelbild herunterladen
 

88 Aristoteles, Nikomachische Ethik.

zu befinden. Denn daß wir uns um etwas kümmern, liegt inunserer Macht.

10. Aber (kann man einwerfcn) vielleicht ist der betreffendeMensch von der Art und Beschaffenheit, daß Nachlässigkeit ihm zuranderen Naturgewordcnist?AlleindaßwirzueincmsolchenZustandegelangen, daran sind wirselbstschuld dadurch, daßwir ein liederlichesLeben führen, und daran, daß wir schlechte Menschen und zügelloseGesellen sind, daran sind wir gleichfalls teils durch unsere schlechtenStreiche, teils durch unser wüstes Leben in Trunk und dergleichenschuld. Denn es ist unser Thun und Handeln im einzelnen, wasunfern Charakter sich gemäß bildet. 11. Man sieht das auch andenen, welche sich auf irgend eine künstlerische Fertigkeit oder Hand-lung einüben; denn sie sind ununterbrochen in dieser Richtungthätig. 12. Sich damit zu entschuldigen: man wisse nicht, daßaus der Bethätigung der Kräfte im einzelnen die Beschaffenheitenund Fertigkeiten des Menschen resultieren, dazu gehört doch wirklichein Blödsinniger.

13. Ferner ist es sinnlos zu behaupten: der, welcher Unrechtthut, wolle nicht ungerecht sein, oder der, welcher sittenlos lebt,wolle nicht sittenlos sein. Denn sobald einer nicht unwissentlichHandlungen thut, infolge deren er als ein Ungerechter dasteht, sokann man mit Fug sagen, daß er freiwillig ein Ungerechter sei.

14. Aber allerdings wird einer, der einmaleinUngerechtcrist,durch sein Wollen nicht aufhören, ein solcher zu sein, und nicht so-fort ein Gerechter sein, sowenig wie der Krankende durch seinWollenein Gesunder werden kann, obschon es sich treffen mag, daß seinKranken ein freiwilliges ist, wenn er unmäßig lebt und seinenÄrztennicht folgt. Freilich gab es eine Zeit, wo es ihm freistand, nichtzu kranken, jetzt aber, wo er seine Gesundheitweggeworfen hat, nichtmehr; gerade so wenig wie einer den Stein, den er aus der Handgeworfen hat, wieder zurückzuziehen im stände ist; und doch standdas Abwerfen und Schleudern in seiner Macht, denn das Prinzipder Handlung war bei ihm. Ebenso war es von vornherein demUngerechten und dem Unmäßigen allerdings möglich, nicht das eineoder das andere zu werden, und darum sind sie es freiwillig; so-