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Aristoteles, Nikomachische Ethik.
Fünftes Kapitel.
1. Da nun also der Zweck Gegenstand des Willens und dieBeir. Mittel zum Zweck Gegenstände der Beratschlagung sind, so kannman füglich sagen, daß die Handlungen, welche sich in diesen Be-reichen bewegen, mit Vorsatz geschehende und freiwillige sind. Nunbewegen sich aber die Thätigkeitsäußerungen der Tugenden indiesen Bereichen. — 2. Es steht daher die Tugend in unsererMacht und ebenso auch die Schlechtigkeit.^ Denn in allen Bereichen,wo das Handeln bei uns steht, steht auch das Nichthandeln beiuns, und wo wir Nein sagen können, können wir auch I a sagen.Folglich: wenn das Thun da, wo es ein schönes ist, bei uns steht,wird auch das Nichtthun in Fällen, wo es ein häßliches ist, beiuns stehen; und wenn das Nichtthun in Fällen, wo es ein schönesist, bei uns steht, muß auch das Thun in Fällen, wo es ein häß-liches, bei uns stehen.
3. Steht es aber bei uns, das Schöne und das Häßliche zuthun, und das Nichtthun gleichfalls, und ist unser früherer Aus-spruch wahr, daß dies^ gut und schlecht sein heißt, so folgt daraus,daß es auch bei uns steht, tugendhaft und lasterhaft zu sein. —
4. Was aber den Ausspruch des Dichters ^ betrifft, der da sagt:
„Mit Willen schlimm und ungern glücklich ist kein Mensch!"
so ist es halb falsch und halb wahr. Denn glücklich allerdings istkein Mensch wider Willen, aber die Schlechtigkeit ist etwas Frei-
1. Dies ist direkt gegen Platon gerichtet. Vgl. Große Ethik I, 9.
2. Dies, d. h. das Thun oder Nichtthun in beiden Fällen.
3. Wir kennen den Dichter nicht, aber den Vers desselben lesen wirauch bei Pseudoplaton in dem Dialog über den Begriff der Gerechtigkeit(III, 3, S. 519 Bekker); und dieser Vers muß zu PlatonS und Ari-stoteles' Zeit sprichwörtlich gewesen sein zur Beschönigung der menschlichen„Schwächen". In diesem Sinne behauptete auch Platon (Gesetze IX,S. 163 Bekker): „daß alle Bösen in allen Stücken unfreiwillig böseseien"; und gegen Platon ist dies ganze Kapitel gerichtet.