Zweites Buch. Achtes Kapitel.
65
H jedem Scheu empfindet, wohingegen einer, dersolchenieundnirgendsempfindet, unverschämt heißt. Der dagegen, der die richtige^ Mitte hält, heißt schamhaft.
15. Ne'mesis*" ist das Mittelmaß zwischen Neid undSchadenfreude. Alle diese drei Empfindungen beziehen sich aufVergnügen und Schmerz über das, was unseren Nebenmenschen be-gegnet. Der Mensch, welcher die Empfindung der Nemesis hegt,fühlt Schmerz über das unverdiente Glück schlechter Menschen; derNeidische überbietet ihn, indem alles Wohlergehen anderer für ihnein Gegenstand des Schmerzes ist; der Schadenfrohe dagegen hatso wenig von dieser Schmerzempfindung, daß er vielmehr über dasUnglück anderer sich freut. — 16. Doch hierüber zu reden wird sichein andermal^ Gelegenheit finden. Was aber die Gerechtig-keit anbelangt, deren Begriff nicht ein einfacher ist, so werden wirsie erst weiterhin ^ in ihre besonderen Arten teilen und dann vonjeder ihrer beiden Arten angeben, wie sich bei ihnen die bestimmtenMittelmaße finden. Und ebenso werden wir auch in betreff derlogischen Tugenden verfahren,
Achtes Kapitel.
Wir haben gesehen, daß es dreierlei Gemütsdispositionen gibt,von denen zwei fehlerhaft sind, — die eine durch ein Zuviel, dieandere durch ein Zuwenig —, und die dritte, als Tugend, im Mittel-maße besteht. Alle diese Dispositionen nun stehen einzeln unter
15. S. Manso, Über den Begriff der Nemesis (in den „VermischtenSchriften" S. 169 —184). — Die hier gemeinte „Nemesis" ist die In-dignation, die „sittliche Entrüstung", die den tüchtigen Menschen ergreift,wenn er z. B. den Eid- und Verfassungsbrecher mit Erfolg gekrönt undvom Glück begünstigt sieht.
16. A risto'teles handelt von den zuletzt genannten drei Empfindungenin der Rheto'rik II, Kap. 9.
17. Im fünften Buche.
18. Im sechsten Buche.
* Der Laut, hinter dem daS Zeichen ' siebt, hat den Ton: Deutschland n'ber a'lleS.sesLaiignischiidlschkB. flr. u. rZm. in.;Bd. 20;Lsrg. 27.1 Aristoteles!. 5
Kap
8 .
Bekk.