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Aristoteles, Nikomachische Ethik.
8. Allein nicht bloß das Werden, das Wachstum und dieVernichtung sind Konsequenzen und Wirkungen ein und derselbenUrsachen, sondern auch die Bethätigungen werden sich in demselbenKreise bewegen. Verhielt sich doch dies also bei den mehr sinnlich-wahrnehmbaren Eigenschaften, z. B. bei der Leibesstärke. Dennstark wird man dadurch, daß man viel Speise zu sich nimmt undviel schwere Arbeiten verrichtet, und wiederum ist der Starke vor-zugsweise fähig, dergleichen zu thun. — 9. Ebenso verhält es sichnun auch mit den Tugenden. Wir werden mäßige Menschen in-folge unserer Enthaltung von den sinnlichen Genüssen, und sindwir es geworden, so sind wir eben auch vorzugsweisefähig, uns der-selben zu enthalten. Der gleiche Fall ist es mit der Tapferkeit: da-durch, daß wir uns gewöhnen, die schreckende Gefahr zu verachtenund uns ihr entgegenzustellen, werden wir tapfer, und sind wir esgeworden, so werden wir auch vorzugsweise befähigt sein, uns derschreckenden Gefahr entgegenzustellen.
Drittes Kapitel.
1. EinZeichen, daß wir aus dem wiederholtenHandelndiebe-züglichenBeschaffenheitcn und Fertigkeiten gewonnen haben, müssenwir darin finden, wenn wir infolge der Verrichtung der dahin ge-hörigen Handlungen Lust oder Unlust empfinden. Wer nämlich sichder leiblichen Genüsse enthält und eben in diesem Enthalten Genußfindet, der ist mäßig, der aber, der es mit Unlust thut, ist unmäßig;ebenso: wer der Gefahr die Stirne bietet und dies mit Freudigkeitoder jedenfalls doch nicht mit Unlust thut, der ist tapfer, wer es da-gegen mit Unlust thut, feige. Es sind nämlich die Empfindungender Lust und Unlust, in deren Kreise sich die ethische Tugend bewegt;denn der Lust wegen thun wir das Schlechte, und der Unlust wegenunterlassen wir das Gute und Schöne.
2. Darum ist es notwendig, daß der Mensch gleich vonZugend auf, wie Pla'ton sagt*, dazu angeleitet werde, daß seine
I- In den „Gesetzen" II, S. 653 Ste'phanus (S. 232 Bekkcr).Bergt. weiter unten X, Kap. S der Ethik.