Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
35
Einzelbild herunterladen
 

Erstes Buch. Elftes Kapitel.

35

sondern nur durch große, sich zahlreich wiederholendeUnglücksfälle.Treffen ihn freilich solche, so wird er allerdings nicht in kurzer Zeitwieder glückselig werden, sondern wenn es überall geschieht, nurdann, wenn ihm imVerlaufe einer langenZeiteineununterbrocheneReihe großer und schöner Erfolge zu teil wird.

15. Sollte es also nicht erlaubt sein, dieDefinition desGlück-seligen so zu fassen, daß wir sagen: Glückselig ist derjenige, der un-unterbrochen tugendhaft handelt und mit den äußerenLebensgüternin hinlänglichem Maße ausgestattet ist, und zwar beides nicht nurwährend irgend einer beliebigen Zeit, sonderneinvolles Lebenlang?Ich denke: ja! Nur müssen wir doch wohl noch hinzufügen: mit derBedingung, daß ihm beschieden ist, sein Leben so zu verleben unddemgemäß auch zu enden, da ja doch das Zukünftige für uns inDunkel gehüllt ist und wir doch von der Glückseligkeit annehmen,daß sie letztes Ziel und demgemäß überall und allewege vollkommensei. 16. Ist dem also, dann werden wir unter den lebendenMenschen diejenigen glücklich zu nennen haben, denen die oben ge-nannten Prädikate gegenwärtig zukommen und auch in Zukunft zu-kommen werden, aber wohl gemerkt nur glückliche Menschen.Bei diesen Bestimmungen wollen wir es fürs erste bewenden lassen.

Elftes Kapitel.

1. Was nun die Schicksale der Nachkommen und überhaupt allerBefreundeten insgesamt und ihr Verhältnis zu dem Glückseligenbetrifft, so scheint die Meinung, daß sie nicht das allergeringsteMoment für das Glück des letzteren ausmachen, doch allzu inhumanund allen hergebrachten Ansichten ^ widerstreitend zu sein.

2. Da es dieser Schicksale nun sehr vielerlei und sehr mannig-fache und verschiedener Art gibt und dieselben somit denjenigen, von

1. Über diese Ansichten findet man Näheres beiWolfzuDemoffthenes,Rede gegen Le'ptines, S. 305. Über das ganze Kapitel aber lese manFriedrich Schlegels Aufsatz über die Epitaphische Rede des Ly'sias(Schlegels Werke T. IV, S. 166 ff.).