22
Aristoteles, Nikomachische Ethik.
Kap.
7 .
Lett.
Aufgabe hat, als der tüchtige Zitherspieler, eine Bestimmung, diebekanntlich ganz allgemein und schlechtweg von allen Berufsartengilt, nur daß wir zu der Leistung die virtuosistische Überlegenheithinzusetzen und z.B. vom Zitherspieler sagen: „SeineAufgabe istdas Zitherspiel, die des tüchtigen dagegen das gute Zitherspiel", —ist dem, wie gesagt, also und sagen wir ferner: des Menschen Auf-gabe sei ein Leben, und zwar ein solches, das in vernunftgemäßerSeelenthätigkeit und vernünftigen Handlungen besteht, und destüchtigen Menschen Aufgabe sei, diese Thätigkeit und diese Hand-lungen gut und schön zu vollbringen, jede solche einzelne Handlungund Thätigkeit aber werde gut vollbracht, wenn sie in der ihr eigen-tümlichen Vortrefflichkeit vollendet wird — ich sage, ist dies richtig,so ergibt sich als Resultat: Das menschliche Gute ist Thätigkeit derSeele, gemäß ihrerVortrefflichkeit (Tugend), oder wenn dieserVor-trefflichkeiten (Tugenden) mehrere sind, gemäß derjenigen, welchedie beste und vollkommenste ist. — 16. Und setzen wir noch hinzu:in dem Zeiträume und während der Dauer eines ganzen Lebens.Denn „Eine Schwalbe macht keinen Frühling", ebensowenig einTag; und so macht auch ein Tag oder eine kurze Zeit noch keinenglücklich zu preisenden und glückseligen Menschen. ^
17. Begnügen wir uns zunächst mit diesen Umrißlinien desBegriffs des Guten, denn ich meine, wir müssen dasselbe zuerst inder Umrißzeichnung entwerfen und es dann später weiter ausmalen?Denn man darf mit Fug behaupten, der erste beste sei im stände,das, was im Entwürfe und Umrisse richtig und gut angegeben ist,weiter auszuführen und im einzelnen durchzuführen, und die Zeitsei bei solcher zweitenArbeit eine guteFinderinoderHelferin. Diesist auch die Quelle aller Fortschritte in den Künsten. Denn zu er-gänzen, was fehlt, ist der erste beste im stände. ^ — 18. Auch
8. Ebenso unten X, 7, § 7. Vgl. Cicero, Vom höchsten Gut und Übel,II, 27, § 87, wogegen dort Ca'to III, 22, § 76, polemisiert. Über Aristoteles'Vorliebe für Sprichwörter, die Weisheit des Volks, s. meine Aristo teli'aI, S. 69.
9. DasselbeBild branchtAristoteles in seiner Schrift „Von der Erzeu-gung der Tiere" II, 6;s.Zell in seiner AuSgabe der,, Physik" (Heidelberg 182I>.
19. Ebenso Trugschlüsse der Sophisten I, 34, § 5, und Politik V,3, § 2. Vgl. Lukre'z V, V. 4S3 L.