Erstes Buch. Siebentes Kapitel.
21
sei? Denn sowie für den Musiker, für den Bildhauer und für jeden' Künstler, ja überhaupt für jeden, der ein bestimmtes Werk und einebestimmte Leistung hervorzubringen und zu verrichten hat, das Gute' und das Löbliche in dieser ihrer Leistung besteht, so, könnte man^ sagen, sei es auch der Fall bei dem Menschen, wenn anders derMensch als solcher eine bestimmte Aufgabe hat. ? — 11. Undsollten denn wirklich ein Schuster, ein Zimmermann ihre bestimmtenAufgaben und Verrichtungen haben, der Mensch als solcher dagegenkeine, sondern von der Natur zum Nichtsthun bestimmt sein? Odersollte sich nicht vielmehr die Sache so verhalten, daß man, sowieAuge, Hand, Fuß und jedes einzelne GlieddesmenschlichenKörpersihre bestimmte Ausgabe haben, ebenso auch für den Menschen, nebenallen diesen, eine bestimmte Aufgabe anzunehmen hat? — 12. DieFrage ist nun, was kann das für eine sein? Das „Leben" kannes nicht sein, denn das hat der Mensch ja offenbar auch mit denPflanzen gemeinsam, wir aber suchen das, was ihm eigentümlichzugehört. Wir müssen also zunächst das Leben, sofern es die Tätig-keit des Ernährens und Wachsens ist, absondern. Eine zweite Artdes Lebens wäre dann zunächst das empfindende; aber auch diese hater offenbar mit Pferd, Ochs und jedem Tiere gemeinsam. —13. Bleibt also nur noch übrig das thätige Leben eines mit Ver-nunft begabten Wesens; und zwar eines solchen, das einerseits derVernunft gehorsamt, andererseits diese Vernunftselbst besitzt. Da nunalso auch das Leben der Vernunft in doppeltem Sinne so genannt. wird, so müssen wir in unserem Falle das selbstthätige als das' wahre setzen, weil dies im eigentlicheren Sinne darunter verstanden; zu werden scheint.
14. 15. Ist also die Aufgabe desMenschen die vernunftge-'j mäße oder doch nie ohneVernunftstattfindendeThätigkeitderSeele,und behaupten wir, daß diese Aufgabe generell dieselbe sei für dasIndividuum — wie ja der Zitherspieler überhaupt keine andere
7. Die Ausdrücke „Aufgabe", „Bestiimnung", „Werk" sind Über-tragungen eines und desselben griechischen Wortes (eg'/vv). Über dieSache selbst vgl. Pla'ton, Staat, 1, S. 353.