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Aristoteles, Nikomachische Ethik.
6. Zu demselben Resultate gelangen wir auch, wenn wir denBegriff der Selbsthinliinglichkeit zum Ausgangspunkte nehmen. Dasvollendete Gut nämlich ist zugestandenermaßen etwas Sichselbstge-nügendes. Wenn wir aber von dem Sichselbstgenügenden sprechen,so verstehen wir darunter etwas, das nicht bloß ein solches ist fürden, welcher ein rein einsiedlerisches Leben führt, sondern auch fürden Menschen in seinem Verhältnisse als Vater, Sohn, Ehemann,überhaupt als Freund und als Bürger eines Staates, da ja be-kanntlich der Mensch von Natur ein politisches Wesen ist?— 7 . In-dessen bei diesen Verhältnissen ist eine bestimmte Grenze zu setzen,denn wenn man sie weiter ausdehnen und den Zusammenhang überdie Eltern hinaus auch auf die Nachkommen und auf die Freundeder Freunde erstrecken wollte, so ginge man damit ins unendlichehinaus. Doch diese Betrachtung ist an einem anderen Orte aufzu-nehmen^; für jetzt definieren wir das Selbsthinlängliche als das,welches, auch wenn es für sich ganz allein vorhanden ist, das Lebenwünschenswert und keiner Sache bedürftig macht. Ein solches Gutaber ist unserer Meinung nach die Glückseligkeit. — 8. Dazu ist sieunserer Meinung nach im höchsten Grade wünschenswert, und zwarohne eine Summe von einzelnen Gütern zu sein; denn würde sieals eine solche gefaßt, so wäre sie, mit einer Zugabe auch des aller-kleinsten der guten Dinge, um soviel wünschenswerter. Denn jeder 'Zusatz eines solchen Guten bildet einen Überschuß an Gutem, unterden guten Dingen aber ist immer das größeredaswünschenswertere.Mithin also erscheint die Glückseligkeit als etwas vollendet Letztesund Selbsthinlängliches, da sie der Endzweck alles dessen ist, wasin den Bereich des menschlichen Handelns und Thuns fällt.
Kap- 9. Indessen kann man sagen: diese Definition der Ghückselig-
Beik. keit, daß sie das Beste sei, sei etwas allgemein Anerkanntes, manverlange vielmehr von uns etwas Klareres darüber zu hören, wassie sei. —10. Vielleicht gelingt uns dies, wenn wir die Frage insAuge fassen, welches die Bestimmung und Aufgabe des Menschen
5. Vgl. Aristoteles, Politik, I, 1, § S.
6. Vgl. unten das elfte Kapitel dieses Buches.