Erstes Buch. Viertes Kapitel.
9
Sinn- und Augenfälligem bei der Hand, wie z. B. mit „Vergnügen"oder „Reichtum" oder „Ehren" und so weiter; ja, in vielenFällen ist selbst das Urteil einunddesselben Menschen zu verschie-denen Zeiten ein verschiedenes. Ist er krank, so lautet es auf Ge-sundheit, drückt ihn Armut, auf Reichtums und Leute, welcheein lebhaftes Bewußtsein ihrer Unwissenheit haben, sind bereit, die-jenigen als Glückselige zu verehren, welche sie etwas Großes, überihrenHorizont Hinausgehendes, aussprechen hören. Einige dagegenwaren von je derMeinung: außer der Vielzahl dieser hier genanntenGüter müsse es noch ein anderes Absolutes geben, welches eben auchfür alle die anderen hier genannten die Ursache sei, daß sie Güterseien.
4. Alle die verschiedenen Meinungen nun prüfend durchzu-gehen, möchte wohl ein allzuwenig lohnendes Geschäft sein, es istvielmehr ausreichend, die am meisten gäng und gäben oderdie, welcheeine gewisse Begründung zu haben scheinen, zu untersuchen. —
5. Hier dürfen wir nun aber nicht außer acht lassen, daß ein Unter-schied stattfindet zwischen den Untersuchungen, welche von den Prin-zipien ausgehen, und zwischen denen, welche zu den Prinzipien hin-führen? Das war ja die Frage, welche auch Pla'ton aufzuwerfenund zu untersuchen pflegte: ob der Weg der Untersuchung von denPrinzipien ausgehe oder auf die Prinzipien hinführe, wie wenn essich fragte, ob in der Rennbahn der Lauf von den Kampfrichternaus auf das Ziel hin oder umgekehrt zu geschehen habe. ^ Aus-zugehen hat allerdings jede Untersuchung von demBekannten, aberunter dem Bekannten kann man zweierlei verstehen, entweder das,was uns bekannt ist, oder was an sich (absolut) bekannt ist. —
6. Zn unserem Falle nun, denke ich, haben wir jedenfalls von dem
2. Man denke an Goethe's armen Schatzgräber und dessen Wort:
„Armut ist die größte Plage,
Reichtum ist das höchste Gut."
3. Vgl. hierüber die Abhandlung von Garve a. a. O., S. 423—428.
4. Dies offenbar Platonische Gleichnis findet sich nicht, in den erhal-tenen Schriften Platons.