II.
Von dcr Erinnrruiig und Wirdrrerinncruntz.Erstes Kapitel.
Erinnerung, Gcdächtniß.
Im Weiteren müssen wir nun zunächst das Gcdächtniß, dieErinnerung und die Thätigkeit des Gedächtnisses in's Auge fassen;cs fragt sich, worin es besteht, welche Ursache zu Grunde liegtund welchem Theil der Seele diese Bestimmtheit zukommt, sowiedie der Wiedererinnerung; denn Fähigkeit des Gedächtnisses, derErinnerung und Fähigkeit der Wiedererinnerung sind keineswegsimmer bei einander, sondern in der Regel haben die langsamenNaturen ein gutes Gedächtnis;, die rasche», leicht auffassendenhaben mehr Kraft der Wiedererinnerung. — Die erste Frage istnun die, welches die Objekte dcr Erinnerung sind; denn hierintäuscht man sich vielfach. Die Erinnerung bezieht sich nemlichweder auf das Zukünftige, — dieß ist vielmehr Gegenstand derVermuthung und Erwartung, und es mag sogar eine Wissen-schaft der Erwartung geben, wie Manche die Wahrsagerkunst be-zeichnen, — noch auf das Gegenwärtige, welches vielmehr Gegen-stand der Wahrnehmung ist, denn mit dieser erkennen wir wederdas Zukünftige noch das Vergangene, sondern lediglich das Ge-genwärtige. Die Erinnerung dagegen geht auf das Vergangene;man wird nicht sagen, man erinnere sich an das Gegenwärtige,wann es eben gegenwärtig ist, z. B. an dieses Weiße, wann manes sieht, oder an diesen Gegenstand der Betrachtung, wann manihn eben betrachtet und erwägt, vielmehr in einem Fall findet nachunserer Ansdrucksweise Wahrnehmung statt, im andern Wissen;