105
vielmehr abgesehen von diesem liebt er lediglich sich selbst. Daherkann man dem Schlechten Selbstliebe im eigentlichen Sinn bei-legen.
Fünfzehntes Kapitel.
Von der Selbstgenügsamkeit.
Hieran schließt sich nun die weitere Frage nach der Selbst-genügsamkeit, nemlich die, ob der sich selbst Genügende dieFreundschaft bedarf, oder nicht, ob er vielmehr auch in dieserBeziehung sich selbst genügt. So sagen ja auch die Dichter >):
„Wozu noch Freunde, wenn die Gottheit Segen schenkt?"
Daher denn auch die Frage, ob der, welcher alles Gute besitztund somit sich selbst genügt, noch eines Freundes bedarf? Viel-leicht ist das Bedürfnis; gerade bei ihm am lebhaftesten. Dennwem kann er denn sonst Gutes thun oder mit wem sollte erZusammenleben? er wird doch nicht allein sein Dasein hinbringenwollen. Wenn er nun aber dessen bedarf, und dieses Bcdürfnißohne Freundschaft nicht befriedigt werden kann, so folgt daraus,daß der sich selbst Genügende der Freundschaft bedarf. Manentlehnt bei den Beweisen gewöhnlich ein Beispiel und Gleichnißvon der Gottheit, aber dich ist weder sonst richtig, noch inunsrem Fall von Werth. Wenn nemlich die Gottheit auch sichselbst genügt und nichts bedarf, so folgt daraus noch nicht, daßauch wir kein Bedürfnis; haben. Man wendet in Beziehung aufdie Gottheit auch folgende Beweisführung an: da die Gottheit,sagt man, alle Güter besitzt und sich selbst genügt, was wird siethun? Sie wird ja doch nicht schlafen? Antwort: sic wirdetwas betrachten. Dieß ist ja das beste und ihrem Wesen ent-sprechendste. Allein was wird sie betrachten? Betrachtet sicetwas Anderes, außer ihr Befindliches, so ist das, was sie be-trachtet, besser als sie selbst. Allein dieß wäre ein Widerspruch,daß etwas Anderes besser sein sollte als die Gottheit selbst.
*) Lurlx. Orost. 6 67.Aristoteles' Große Ethik.