99
nicht anders möglich ist), und ebenso wünschen wir zunächst unsselber Glück, Leben und Gutes. Ferner stimmen wir hinsichtlichder Gefühle mit uns selbst am meisten überein. Sobald wirnemlich einen Unfall erleiden oder überhaupt irgend eine derartigeErfahrung machen, empfinden wir auf der Stelle Unlust; ausdiesem Grund könnte man wohl annehmen, daß cs eine Freund-schaft des Individuums mit ihm selbst gebe. Solche Bestim-mungen nun, wie die Gleichheit der Gefühle, das glückliche Lebenn. s. w. legen wir entweder der Freundschaft des Individuumsmit sich selbst bei oder der vollkommenen Freundschaft. Indiesen beiden Arten nemlich ist alles das Genannte vereinigt:das Zusammenleben, der Wunsch zu leben, der Wunsch glücklichzu leben u. s. f.
Ferner könnte man geneigt sein anzunehmen, wo ein Rechts-verhältniß ist, da sei auch Freundschaft und es gebe demnachso viele Arten von Freundschaft, als es Arten von Rechtsverhält-nissen gibt. Nun gibt es doch ein Rechtsverhältnis; zwischen demFremden und Bürger, dem Herrn und dem Sklaven, dem Bür-ger und Bürger, dem Vater und Sohn, dem Mann und derFrau, und was es sonst noch für Arten von Gemeinschaft undFreundschaft im einzelnen geben mag. Die dauerhafteste Freund-schaft ist wohl die zwischen Gastfreunden: diese haben nemlichnicht ein gemeinsames Ziel, worüber sie in Streit gerathcn könn-ten, wie dieß bei den Bürgern stattfindet. Sobald nemlich dieseüber die Frage, wer der höhere sein soll, in Streit mit einandergerathen, ist es aus mit der Freundschaft.
Hieran schließt sich nun die Antwort auf die Frage, obes eine Freundschaft des Individuums mit sich selbst gebe odernicht? Wir sehen, — was eben bemerkt wurde, — daß nachden Erfahrungen, die wir im einzelnen machen, wir uns selbstin erster Linie das Gute, das Leben und das Glück wünschen;ferner stimmen wir hinsichtlich der Gefühle mit uns selbst ammeisten überein, und mit uns selbst wünschen wir am meistenzusammenzuleben. Also wenn die Freundschaft nach den einzel-nen Stücken beurtheilt wird, wir aber diese einzelnen Stücke unsselbst wünschen, so ergibt sich daraus, daß es eine Freundschaft
1 -st