Druckschrift 
6 (1891) Große Ethik [u.a.] Metaphysik
Entstehung
Seite
98
Einzelbild herunterladen
 

98

ist, Gutes zu erweisen, als wenn mau cs uicht ist. Wer nunliebt, ist eben, sofern er liebt, auch fähig Gutes zu erweisen,wer aber nur geliebt wird, ist es, sofern er geliebt wird, nicht.Nun wünschen aber die Menschen aus Ehrgeiz mehr geliebt zuwerden, als zu lieben, weil mit dem Geliebtwerden ein gewisserVorzug verbunden ist. Immer ist ja der, welcher geliebt wird,vorzüglicher an Lust oder Reichthum oder Tugend; der Ehrgeizigeaber strebt nach dem Vorzug, und diejenigen, welche einen Vor-zug aufzuweisen haben, glauben, nicht selbst lieben zu müssen,weil sie ja den Andern, von welchen sie geliebt werden, aufdem Gebiet, wo ihr Vorzug liegt, ein Aeguivaleut geben. DieseAndern sind übcrdicß weniger bedeutend, daher jene Vorzüg-licheren nicht zum Geben, sondern nur zum Empfangen vonfreundschaftlicher Gesinnung verpflichtet zu sein glauben. Weraber Mangel hat an Geld oder Lust oder Tugend, schätzt den-jenigen hoch, der ihm in diesen Beziehungen überlegen ist undliebt denselben, weil er das, was ihm fehlt, entweder erlangtoder zu erlangen hofft.

Es gibt auch Freundschaften, welche aus Aehnlichkeit derGefühle beruhen, indem man dem oder jenem das Gute wünscht.Eine solche Freundschaft faßt aber nicht alle die oben genanntenBestimmungen in sich. Es kommt ja oft vor, daß wir einemMenschen das Gute wünschen, ohne jedoch mit ihm Zusammen-leben zu wollen. Die Frage ist übrigens, ob man solche Em-pfindungen zum Charakter der Freundschaft überhaupt oder nurzum Wesen der vollkommenen, d. h. der auf Tugend beruhendenFreundschaft zu rechnen hat? In dieser letzteren sind nemlichalle jene Bestimmungen vereinigt. Denn wir wollen mit nie-manden anders Zusammenleben, als mit dem Tugendhaften (die-sem kommt ja sowohl das Angenehme und das Nützliche zu alsauch die Tugend), und diesem wünschen wir auch in erster Liniedas Gute, und ebenso Leben und Glück. Eine andere Frage,die wir uns für später Vorbehalten wollen, ist die, ob es aucheine Freundschaft des Menschen mit sich selbst gebe oder nicht?Darüber nachher. Wir wünschen uns selbst Alles, wollen wirja doch mit uns selbst Zusammenleben (was ja wohl auch gar