Druckschrift 
6 (1891) Große Ethik [u.a.] Metaphysik
Entstehung
Seite
81
Einzelbild herunterladen
 

81

Arten von Lust gibt, sofern ja die Kategorieen, welchen die Lustangehört, verschieden sind. Es verhält sich nemlich hier nicht wiemit den Wissenschaften, z. B- der grammatischen oder sonst einerWissenschaft. Wenn Lampros im Besitz der Grammatik ist, sowird er eben dadurch in derselben Weise Grammatiker sein, wieirgend ein Anderer, der sich im Besitz der Grammatik befindet;cs gibt nicht zwei verschiedene Grammatiken, eine besondere desLampros und eine andere des Ileus. Aber bei der Lust verhältsich die Sache anders. Es ist ja nicht dieselbe Wirkung, welchedurch das Trinken hervorgebracht wird, wie die, welche der Bei-schlaf hervorbringt. Deßhalb also muß man verschiedene Artenvon Lust annehmen.

Ein anderer Grund, weßhalb man nicht zugeben will, daßdie Lust ein Gut sei, liegt darin, daß es gewisse schlechte Artenvon Lust gebe. Allein dieser Einwand wie dieser ganze Gesichts-punkt gilt nicht bloß für die Lust, sondern trifft auch zu bei derNatur und bei der Wissenschaft. Es gibt nemlich eine schlechteNatur, z. B. bei den Würmern, den Käfern und überhaupt beide» niedrigen Thieren, aber das ist kein Grund, die Natur selbstsiir etwas Schlechtes zu erklären; ebenso gibt es auch schlechteArten des Wissens, wie z. B. bei den niedrigen Handwerkern,aber deßwegen kann man doch nicht sagen, daß das Wissen etwasSchlechtes sei, vielmehr ist sowohl das Wissen als die Naturdennoch etwas Gutes. Man darf ja auch den Werth einesBildhauers nicht nach den Werken bcurtheilen, die verfehlt oderschlecht gearbeitet sind, sondern nach denjenigen, welche gelungensind; ebenso darf man Wissen und Natur oder sonst etwas, wenndie Qualität bestimmt werden soll, nicht nach dem Schlechten,sondern nach dem Tüchtigen beurtheilen, und so ist auch die Lustdem Wesen nach etwas Gutes. Daß cs freilich auch schlechteArten von Lust gibt, wollen auch wir nicht leugnen. Es gibtja bei den Thieren verschiedene Naturen, es gibt eine schlechteund eine tüchtige Natur, wie z. B. die Natur des Menschen gutist, die des Wolfs oder eines andern wilden Thieres schlecht;ebenso ist die Natur des Pferds anders als die des Menschen,die des Hundes anders als die des Esels; die Lust ist ferner eine

Aristoteles' Große Gthil. 6