Druckschrift 
6 (1891) Große Ethik [u.a.] Metaphysik
Entstehung
Seite
68
Einzelbild herunterladen
 

68

wähnen, welcher die Unmäßigkcit ganz aufhob und leugnete; ergieng nemlich von der Behauptung aus, daß niemand sich fürdas Schlechte entscheide, wenn er wisse, daß es schlecht sei, nunaber sei beim Unmäßigen doch anzunehmen, daß er für das Schlechtesich entscheide, trotzdem, daß er es als solches kenne, weil er vonseinen Affekten beherrscht werde; ans diesem Grund also wollteSokrates die Unmäßigkeit überhaupt nicht zugeben. Allein dieseAnschauung ist nicht richtig; es wäre doch widersinnig, wenn wirvon einem solchen Beweis uns überzeugen lassen und aufhebenwollten, was doch ganz handgreiflich existirt. Es gibt ja dochunmäßige Menschen, welche das Schlechte thun, trotzdem daß siewissen, daß es schlecht ist. Da es also eine Unmäßigkeit gibt,so ist die Frage, ob der Unmäßige ein gewisses Wissen besitzt,wodurch er das Schlechte untersuchen und prüfen kann? Dichist aber doch kaum anzunehmen, es wäre ja doch widersinnig,wenn das stärkste und festeste in uns irgend einer Einwirkungunterläge. Das Wissen ist aber doch das beständigste und that-kräftigste in uns. Also ist dieß ein Gesichtspunkt, welcher derAnnahme eines Wissens widerspricht. Aber vielleicht könnte man,wenn auch kein Wissen, so doch eine Vorstellung annehmen?Allein, wenn der Unmäßige nur eine Vorstellung hat, so ist ernicht tadelnswerth. Wenn er nemlich etwas Schlechtes thut, ohnees genau als solches zu kennen, vielmehr nur auf Grund einerVorstellung, so kann man es ihm zu gut halten, daß er der Lustsich hingibt und das Schlechte thut; er weiß ja nicht bestimmt,daß es schlecht ist, sondern hat darüber bloß eine Vorstellung.Wenn wir aber Einem etwas zu gut halten, so tadeln wir ihnnicht. Also ist der Unmäßige, wenn er bloß eine Vorstellunghat, nicht tadelnswerth. Allein in Wirklichkeit ist er tadelnswerth.Solche Betrachtungen nun führen auf Zweifel und Bedenken:auf der einen Seite nemlich finden wir, daß es kein Wissen desUnmäßigen gibt, sofern daraus etwas Widersinniges sich ergibt,auf der andern Seite bekommen wir auch keine bloße Vorstellung,sofern auch dieß auf ungereimte Consequenzen führen würde.

Ein weiteres Bedenken liegt in Folgendem: da offenbar der sichselbst Beherrschende auch müßig ist, so fragt es sich, ob bei jenem