Zustand ist, die Lebensweise geeignet, daß er sich von jenen Dingenfern hält.
Ferner läßt sich die Frage auswerfen: wenn es nicht mög-lich ist, das Muthige und das Gerechte zugleich zu vollbringen,welches von beiden soll man thnn? Was nun die natürlichenTugenden betrifft, so haben wir da gesagt, daß nur der Triebzum sittlich Guten vorhanden sein müsse ohne Vernunft; weraber eine Wahl hat, bei dem hat diese Wahl eben in der Ver-nunft und im vernünftigen Theil der Seele ihren Sitz. Sobaldalso die Wahl vorhanden ist, wird auch die vollkommene Tugendvorhanden sein, welche, wie wir gezeigt haben, mit der Klugheitverbunden ist; diese ist aber nicht denkbar ohne den natürlichenTrieb zum Guten und sie wird der einzelnen Tugend nicht ent-gegengesetzt sein. Denn sic har ihr Wesen eben darin, daß sieder Vernunft sich unterordnet und nach den Geboten derselbensich hält, sie neigt sich also demjenigen zu, wozu die Vernunftihr die Richtung gibt. Die Vernunft ist nun aber immer fürdas Bessere. So sind also die übrigen Tugenden nicht ohne dieKlugheit, aber auch die Klugheit ist nicht vollkommen, ohne dieandern Tugenden, vielmehr sie arbeiten gewissermaßen mit ein-ander zusammen, indem sie mit der Klugheit Hand in Handgehen.
Endlich ist auch die Frage noch berechtigt: ob es sich wohlbei den Tugenden ebenso verhält wie bei den andern Gütern-den äußeren sowohl als den körperlichen; diese nemlich haben,wenn sie im Uebermaß vorhanden sind, einen schlimmen Einfluß;so macht z. B. der Reichthum, wenn er besonders groß ist, über-miithig und unangenehm, und ebenso ist es auch bei den andernGütern, Herrschaft, Ehre, Schönheit und Größe. Ist es nunebenso auch bei der Tugend? z. B. wenn Einer ein besondershohes Maß von Gerechtigkeit oder Muth besitzt, wird er dadurchverderbt oder nicht? Antwort: Nein! Allein: ans der Tugendentspringt Ehre, die Ehre aber hat, sobald sie groß ist, einen ent-sittlichenden Einfluß. Man sieht also, — so könnte man argn-mentiren — daß die Tugend, wenn sie ein hohes Maß von Größebewirkt, entsittlichend wirken muß; die Tugend ist ja die Ursache
Arisiotelc«' Große Ethik. b