gend im Dienst der Vernunft und nicht ohne diese. Anderer-seits wird auch die Vernunft und der Vorsatz nicht zur vollkom-menen Tugend ohne den natürlichen Trieb. Es war daher nichtrichtig, wenn Sokrates die Tugend in bloße Vernunft auflöste,er meinte nemlich, es habe keinen Werth, muthig und gerecht zuhandeln, wenn man nicht vermittelst der Vernunft ein wirklichesWissen davon habe und es zum Gegenstand eines auf Vernunftberuhenden Vorsatzes mache. So ließ er denn die Tugend inVernunft aufgehen. Allein dieß ist nicht richtig. Besser sind dieBestimmungen, die man neuerdings aufstellt, indem man sagt,die Tugend bestehe darin, daß man entsprechend der richtigenVernunft das sittlich Gute thue. Doch ist auch dieß nicht ganzrichtig. Es könnte ja Einer das Gerechte thun ohne Vorsatz undohne Erkenntniß des Guten, vielmehr vermöge eines unvernünf-tigen Triebs, aber doch so, daß es ganz recht wäre und derrichtigen Vernunft entspräche; nemlich die Handlung könnte sosein, wie cs die richtige Vernunft vorschreiben würde. Alleindoch wäre eine solche Handlung nicht lobenswerth. Daher istunsere Bestimmung richtiger, wenn wir sagen: die Tugend sei dervernünftige Trieb zum sittlich Guten. Damit hat man die eigent-liche Tugend und in dieser Fassung ist sie lobenswerth.
Man könnte nun fragen, ob die Klugheit eine Tugend istoder nicht. Daß sie wirklich eine Tugend ist, kann man ausFolgendem ersehen: ist die Gerechtigkeit, der Math und sind dieandern Tugenden lobenswerth, weil sie die Verwirklichung dessittlich Guten zum Gegenstand haben, so muß offenbar auch dieKlugheit lobenswerth sein und den Rang einer Tugend cinneh-men. Die Klugheit treibt ja doch zu dem Nemlichen an, wozuauch der Muth. Im allgemeinen nemlich führt der Muth dasaus, was die Klugheit vorschreibt. Wenn daher der Muth lobens-werth ist, weil er das ausführt, was die Klugheit gebietet, somuß doch die Klugheit selber vollends lobenswerth und eine Tu-gend sein.
Ob ferner die Klugheit auf das Handeln gerichtet, praktischsei oder nicht, — diese Frage läßt sich beantworten durch einenBlick auf die verschiedenen Zweige des Wissens, z. B. auf die