befiehlt aber das Gesetz überhaupt das Tugendhafte, so wirdderjenige, welcher das auf dem Gesetz beruhende Gerechte stetsbeobachtet, vollkommen tngendhaft sein. So finden wir also beidem Gerechten und in der Gerechtigkeit eigentlich eine vollkom-mene Tugend. Damit haben wir denn die eine Art des Ge-rechten. Allein nicht dieses Gerechte und nicht diese Gerechtigkeitist die, auf welche wir es hier abgesehen haben. Denn dieseseben angeführte Gerechte besteht darin, daß der Mensch im Ver-hältnis; zu sich selbst, für seine eigene Person gerecht ist. DerMaßvolle, der Muthige, der Enthaltsame ist so im Verhältnißzu sich selbst. Dagegen das Gerechte einem Andern gegenüberist verschieden von dem eben genannten auf dem Gesetz beruhen-den Gerechten; denn im Verhältniß zu sich selbst gerecht sein istnicht zu der Gerechtigkeit zu rechnen, welche mau gegen einenAndern beobachtet. Aber gerade dieses letztere und das betreffendeGerechte ist es, was für uns hier in Frage kommt.
Sollen wir nun dieses Gerechte gegenüber von Andern kurzbezeichnen, so müssen wir sagen: es ist das Gleiche, die Gleich-heit. Das Ungerechte ist nemlich das Ungleiche. Wenn manvom Guten zu viel sich selber zutheilt und vom Schlechten zuwenig, so entsteht dadurch eine Ungleichheit, und darin bestehtja, wie man annimmt, auch das Unrechtthun resp. Unrecht lei-den. Hieraus folgt nun, daß, da ja die Ungerechtigkeit in derUngleichheit besteht, die Gerechtigkeit und das Gerechte in derGleichheit des gegenseitigen Verkehrs bestehen muß, und darausgeht weiter hervor, daß die Gerechtigkeit eine Mitte sein mußzwischen dem Uebermaß und dem Mangel, zwischen dem Vielund dem Wenig. Der Ungerechte hat ja zu viel eben als Un-gerechter und der, dem Unrecht geschieht, hat eben dadurch zuwenig. Was aber in der Mitte zwischen beiden liegt, ist gerecht.Das Mittlere aber ist das Gleiche; somit muß das, was zwi-schen Zuviel und Zuwenig in der Mitte liegt, gerecht sein undderjenige ist somit gerecht, welcher das Gleiche zu haben wünscht.Das Gleiche aber erfordert wenigstens zwei Personen; somit be-steht das Gerechte in der Gleichheit mit einem Andern und wersich darnach hält, ist gerecht. So besteht also die Gerechtigkeit