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6 (1891) Große Ethik [u.a.] Metaphysik
Entstehung
Seite
44
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Zweiunddreißigstes (33.) Kapitel.

Von der Wahrhaftigkeit.

Die Wahrhaftigkeit steht in der Mitte zwischen der Zurück-haltung und der Prahlerei. Sie bezieht sich auf Reden, dochaber nicht auf alle. Ein Prahler nemlich ist ein Mensch, wel-cher sich mehr beilegt als ihm wirklich zukommt, der mehr zuwissen vorgibt, als er wirklich weiß. Das Gegentheil hievon istdie Zurückhaltung, welche darin besteht, daß man sich wenigerbeilegt, als man sich beilegen darf, und daß man das Wissen,welches man besitzt, nicht hervortreten läßt, sondern zu verbergensucht. Der Wahrhaftige dagegen wird weder das eine noch dasandere thun. Er wird sich nicht mehr, aber auch nicht wenigerbeilegen, als ihm wirklich zukommt, wohl aber wird er das,was er ist und was er weiß, offen bekennen.

Ob nun die zuletzt genannten Eigenschaften Tugenden sind,wäre eine andere Frage. So viel aber ist leicht zu sehen, daßjede derselben ein Verhalten ist, welches in der Mitte zwischenden betreffenden Extremen steht; denn wer sie in seinem Lebens-wandel sich zur Regel macht, wird gelobt.

Dreiunddreißigstes (34.) Kapitel.

Von der Gerechtigkeit.

Nun haben wir noch von der Gerechtigkeit zu sprechen undzu untersuchen, was sie ist, in welchen Personen sie wohnt undauf was für Dinge sie sich bezieht. Zuerst ist nun hier dieFrage zu beantworten: was ist das Gerechte? Das Gerechteist von zweierlei Art: einmal ist darunter das zu verstehen, wasdem Gesetz gemäß ist. Gerecht nennt man ja im allgemeinendasjenige, was das Gesetz vorschreibt. Das Gesetz aber gebietetz. B. muthig zu handeln, Selbstbeherrschung zu zeigen, über-haupt alles zu thun, was tugendhaft ist; darum eben bezeichnetman auch die Gerechtigkeit als eine Art von vollkommener Tu-gend: ist nemlich gerecht das, was das Gesetz zu thun befiehlt,