Achtzehntes Kapitel.
Gegenstand der Ueberlegung und der Tugend.
Es verhält sich aber mit der Ueberlegung nicht ganz so,wie mit der sinnlichen Wahrnehmung; z. B. mit dem Gesichts-sinn kann man nicht wohl etwas Anderes thun als sehen, mitdem Gehör nicht wohl etwas anderes als hören. Ebenso brauchtes keine Erwägung, ob wir mit dem Gehörsinn hören oder sehensollen. Mit der Ueberlegung aber verhält es sich anders, siekann sowohl dieses thun als auch etwas Anderes. Deßhalbeben hat hier sofort das Ueberlcgen einzutreten. Der Fehlernun, der bei der Wahl der Güter gemacht wird, bezieht sich nichtauf den Zweck (denn darüber ist man allgemein einig, z. B. daßdie Gesundheit ein Gut ist), sondern auf das, was zum Zweckeführt; z. B. ob es für die Gesundheit gut ist, das und das zuessen, oder nicht. Am meisten trägt hier die Lust und Unlustzu falscher Ausfassung bei, indem wir nemlich die letztere ver-meiden, die erstere begehren. — Nachdem wir so das Gebiet,auf welchem die Fehler Vorkommen, und die Art der Fehler be-stimmt haben, ist noch zu untersuchen, auf was die Tugend ab-zielt, ob auf den Zweck oder auf das, was zum Zwecke führt,z. B. ob auf das Schöne oder auf das, was zum Schönenführt. Wie verhält es sich nun hier mit der Wissenschaft? Hatdie Baukunst die Aufgabe, den Zweck in der rechten Weise vor-zuzeichnen, oder hat sie nach dem zu sehen, was zum Zweckeführt? Wenn die Baukunst den Zweck richtig vorgezeichnet hat,z. B. die Erbauung eines schönen Hauses, so wird auch das,was diesem Zwecke dient, niemand anders auffinden und bei-schasfen, als der Baumeister. — Ebenso verhält es sich auch beiallen andern Wissenschaften, und man wird also dasselbe auchbei der Tugend annehmen können, daß es nemlich ihre Aufgabeist, mehr auf den Zweck zu sehen und diesen richtig festzustcllen,als auf das, was zum Zwecke führt; ebenso wird aber auchniemand anders die Mittel beischaffen, um den Zweck zu errei-chen, und die Wege ausfinden, welche zum Zwecke führen. Und