Druckschrift 
6 (1891) Große Ethik [u.a.] Metaphysik
Entstehung
Seite
22
Einzelbild herunterladen
 

22

stehe. Man könnte nun wohl annehmen, daß die Freigebigkeiteher Verschwendung als Geiz ist. Also ist der Geiz ihr ferner.Was aber von der Mitte mehr entfernt ist, das werden wir wohlmehr als entgegengesetzt bezeichnen können. So ergibt sich hieraus der Sache selbst, daß das Zuwenig mehr als Gegensatz an-zusehen ist. Es gibt aber auch noch einen andern Gesichtspunkt:nemlich dasjenige, wozu wir von Natur mehr geneigt sind, istdem Mittleren mehr entgegengesetzt. Wir sind z. B. von Naturmehr geneigt zur Zügellosigkeit als zu geordnetem Verhalten undnun stellen wir uns in der Regel auf die Seite von dem, wasunserer Natur mehr zusagt. Nun wird aber der Mitte dasjenigemehr entgegengesetzt sein, wohin wir uns mehr hinwenden. Wirwenden uns aber mehr hin zur Zügellosigkeit als zu geordnetemVerhalten, also wird hier das Zuviel mehr den Gegensatz zurMitte bilden; die Zügellosigkeit ist nemlich das Zuviel.gegen-über der Selbstbeherrschung.

Somit können wir sagen, was Tugend ist: sie ist offenbarein gewisses mittleres Verhalten in Beziehung aus die Affekte.Daraus folgt denn, daß man, um in sittlicher Beziehung Lobzu ernten, immer die Mitte zwischen zwei Affekten einhalten muß,und deßhalb ist es auch schwierig, tugendhaft zu sein. Denn esist immer schwierig, die Mitte zu treffen. Es ist wie bei einemKreis: einen Kreis ziehen kann jeder, aber die Mitte im Kreissofort zu treffen, ist schwer. Ebenso ist es leicht, zornig zu wer-den und in den entgegengesetzten Affekt zu gerathen, schwer aberist es, die Mitte einzuhalten. Ueberhaupt läßt sich bei jedemAffekt die Wahrnehmung machen, daß das leicht ist, was dieMitte in sich schließt, die Mitte selber aber schwer, und in Be-ziehung auf die Mitte werden wir auch gelobt. Daher ist tu-gendhaftes Wesen auch so selten.

Nachdem wir so den Begriff der Tugend bestimmt haben,ist weiter die Frage in's Auge zu fassen, ob es möglich ist, siezu gewinnen oder nicht, ob es vielmehr, wie Sokrates behauptet,nicht in unserer Gewalt ist, tugendhaft oder schlecht zu sein.Sokrates sagt nemlich: wenn man den nächsten besten Menschenfragt, ob er gerecht sein möchte oder ungerecht, so würde keiner