19
Sechstes Kapitel.
Bestimmung der Tugend durch Lust und Unlust. Zusammenhangzwischen Sittlichkeit und Sitte.
Um die Tugend näher zu bestimmen, kann man auch nochdie Begriffe Lust und Unlust zu Hilfe nehmen. Denn um derLust willen unterlassen wir das Gute; überhaupt ist es nicht mög-lich, die Tugend und das Laster ohne Lust und Unlust zu be-greifen. Die Tugend hat es also zu thun mit Lust und Unlust,und hievon hat die sittliche Tugend ihre Namen, wenn man buch-stäblich die Wahrheit ihrem eigentlichen Inhalt nach in's Augefassen soll, und dich ist wohl nothwendig. Die Sittlichkeit hatja ihren Namen von der Sitte, sittlich heißt die Tugend, weilsie auf Sitte beruht, woraus denn auch erhellt, daß keine vonden Tugenden des unvernünftigen Theils der Seele von Natursich in uns entwickelt. Denn etwas Natürliches wird durch Sittenicht anders. Z. B. der Stsiir und überhaupt alles Schwerestrebt seiner Natur nach abwärts, und wenn man solche Gegen-stände auch oft nach oben wirft und sie gewöhnen will, die Rich-tung nach oben anzunehmen, so werden sie doch nun und nim-mermehr aufwärts steigen, sondern immer abwärts streben. Undebenso ist es bei den andern Dingen dieser Art.
Siebentes Kapitel.
Unterscheidung vo» Affekten, Vermögen und Zuständen.
Ferner müssen wir, wenn es sich darum handelt, den eigent-lichen Begriff der Tugend anzugeben, wissen, was alles in derSeele vorgeht. Diese Vorgänge sind dreierlei: Affekte, Vermögenund Zustände; hierunter wird also die Tugend begriffen sein.Was die Affekte betrifft, so gehören dazu Zorn, Furcht, Haß,Verlangen, Eifersucht, Mitleid und dergleichen, und damit ist inder Regel Lust und Unlust verbunden. Vermögen ist diejenigeBeschaffenheit, vermöge welcher wir für Affekte empfänglich sind,> vermöge deren wir also z. B. zornig werden, Unlust empfinden,i 2 *