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wenn Sokrates die Tugenden als Wissenschaften faßte. Er giengnemlich von dem Satz aus, daß nichts zwecklos sein dürfe; alleingerade daraus, daß er die Tugenden als Wissenschaften faßte,mußte sich ihm die Consequenz ergeben, daß die Tugenden zweck-los seien, aus dem Gruud nemlich, weil auf dem Gebiet desWissens mit der Kenntniß des Wesens einer Wissenschaft unmit-telbar auch der Besitz der Wissenschaft selber verbunden ist. Wennnemlich einer weiß, was die Heilkunde ist, so ist er eben damitauch ein Heilkünstler, ein Arzt, und ebenso ist es auf den an-dern Gebieten des Wissens. Dagegen bei den Tugenden ist dießnicht der Fall: denn wenn Einer auch weiß, was z. B. die Ge-rechtigkeit ist, so ist er deßwegen nicht sofort gerecht, und ebensoist es bei den übrigen Tugenden. Daraus folgt also, daß nachder Auffassung des Sokrates die Tugenden zwecklos sind, eben-damit aber auch, daß sie keine Wissenschaften sind.
Zweites Kapitel.
Unterscheidungen und Bestimmungen in Beziehung ans das höchste Gut.
Nach diesen Bestimmungen wollen wir nun die Frage zubeantworten suchen, in wie vielerlei Bedeutungen das Gute auf-gefaßt werden kann. Es ist nemlich von dem, was wir als gutbezeichnen, das eine werthvoll, das andere lobenswerth, noch an-deres hat eine bloß potenzielle Bedeutung. Unter dem Werthvollenverstehe ich z. B. das Göttliche und das Bessere, wie Seele, Ver-nunft, sodann das Ursprünglichere, wie das Princip und der-gleichen; werthvoll ist das, womit eine Werthschätzung verbundenist, dieß ist aber bei allen den genannten Begriffen der Fall.Somit ist auch die Tugend etwas Werthvolles, wenn man jadoch auf Grund derselben tugendhaft wird; in dem Tugendhaf-ten hat ja eben die Tugend eine Gestalt gewonnen. — Zu demLobenswerthen aber gehören z. B. die einzelnen Tugenden, denndas Lob beruht auf den Handlungen, welche diesen Tugendengemäß sind. — Endlich ist noch das Potenzielle zu nennen: da-hin gehört Herrschaft, Reichthum, Kraft, Schönheit; dieß sindnemlich Dinge, von welchen der Tugendhafte einen guten, der