186 Aristoteles, Poetik.
erste Gesetz lautet: es sollen wo möglich überhaupt gar keineFehler gemacht werden.
Ferner kommt in Betracht, ob der Fehler auf die Kunst oder auf«twas anderes Zufälliges sich bezieht. Denn es ist ein geringerer Fehler,wenn der Dichter etwa nicht gewußt hätte, daß die Hirschkuh keineHörner hat^, als wenn er sie überhaupt schlecht gemalt hätte.
6. 7. Demnächst ist, wenn gegen den Dichter der Vorwurf-erhoben wird, daß er die Dinge nicht so darstelle, wie sie sichin der Wirklichkeit verhalten^, diesem Vorwurfe so zu begegnen,daß man zeigt, er schildere sie, wie sie sein müssen. Dahinzielt auch der Ausspruch des Sophokles, „er schildereMenschen, wie sie sein müssen, Euripides dagegen,wie sie in der Wirklichkeit sind".? — Sind aber die
5. Anspielung auf Pi'ndar, Olympische Siegesgesänge, III, 52.
Doch kommt dieser Verstoß gegen die Naturgeschichte auch sonst bei den ^griechischen Dichtern vor.
6. Dies ist gegen Pla'to und dis Plato'niker gerichtet. S. Müller,Geschichte der Theorie der Kunst bei den Alten, T. I, S. 39 ff.; Hurdbei Lessing, Hamburgische Dramaturgie, II, Stück 94.
7. Schon dafür, daß der Mann, von dem wir die AristotelischePoetik in ihrer gegenwärtigen Gestalt haben, diesen sonst nirgends inder ganzen griechischen Litteratur bezeugten Ausspruch des größten tra-gischen Dichters der Hellenen über seine und des Euripides Kunst er-halten hat, müßten wir ihm dankbar sein! Sophokles' Charakteristikseiner Kunstweise geht nicht auf die Darstellung von sogenannten !Jdealcharakteren, von Menschen wie sie sein sollen, aber nicht sind, ! .sondern der große Dichter vindiziert seiner Poesie die nachahmende Dar-stellung des „Allgemeinen und Wesentlichen", mit dem esüberhaupt die Poesie im Gegensätze zur Geschichtserzählung zu thunhat, wie das von Aristoteles im neunten Kapitel der Poetik genügend aus- ^geführt ist. Nicht die zufällige einzelne Individualität der Wirk-lichkeit, nicht was zufällig diesem oder jenem Menschen Passiert ist oderwas er in Wirklichkeit alles gethan und geredet hat, ist Aufgabe dich-terischer Darstellung nach Aristoteles und Sophokles, sondern Personen