Druckschrift 
3 (1891) Poetik (3. Aufl.), Topik (Disputierkunst)
Entstehung
Seite
149
Einzelbild herunterladen
 

Achtzehntes Kapitel.

149

nun viele Dichter, die den Knoten ganz gut schürzen, aber schlecht lösen;und doch gilt es, mit beidem stets den Applaus davon zu tragen. ^4. Ferner muß man dessen eingedenk sein, was bereitsmehrmals gesagt ist°, und aus keiner epischen Kompositioneine Tragödie machen. Eine epische nenne ich eine solche, welcheviele Fabeln in sich begreift, wie wenn z. B. einer den ganzenStoff der J'lias zu einer Tragödie dichten wollte. Denn dort?nehmen wegen der großen Ausdehnung des Ganzen die episo-

5. In diesem Paragraphen ist uns von Aristoteles eine wichtige An-deutung damaliger kunstkritischer Zustände erhalten, und cs ist interessantzu sehen, wie sich der Stagiri't, gegenüber den überspannten Forderungeneiner gegen die neueren dramatischen Dichter ungerechten Schule vonKunstrichtern wahrscheinlich Plato'nikcrn auf die Seite der Billig-keit stellt. Anders freilich verfährt Ritter, der diesen ganzen Abschnitt(88 13) für das Einschiebsel eines Jnterpola'tors hält, den er mit denheftigsten Schimpfreden und Vorwürfen überschüttet. Er nennt seine Be-merkungen und Regelnmiserabel",lächerlich",nichtssagend", seineBemerkung gegen die blasierten Kunstkritikergemeine Bosheit", ihn selbsteinen albernen einfältigen Tropf, der nicht einmal richtig schreiben könneu. s. w. und behandelt ihn mit einem Wort in einer Weise, die sich keinehrliebender Primaner von dein Herrn Professor gefallen lassen würde,ohne ihm reealcitrunäo zu antworten. Und doch war jedenfalls derMann, den es trieb, sich mit der Aristotelischen Kunstphilosophie zu be-schäftigen (wenn wir einmal die Nittersche Hypothese von einem In-terpolator zugeben, was wir natürlich in Wahrheit weit entfernt sind zuthun) ein Grieche, ein Mann von Bildung und Wissen und voneiner Kenntnis der Sprache und Litteratur seines Volkes, um die ihnsicherlich Ritter zu beneiden haben dürfte. Jedenfalls aber müßte er derZeit des Aristoteles sehr nahe gestanden haben, da wir unter den zahl-reichen in der Poetik zitierten Dichtungen keine finden, die nachweisbarjünger wäre als Aristoteles.

6. S. Kap. V, § 4; Kap. VII, 5-7; Kap. XVII, § 5. Vgl. mit.Kap. XIV.

7. D. h.: im EpoS, in der Ilias.