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3 (1891) Poetik (3. Aufl.), Topik (Disputierkunst)
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Aristoteles, Poetik.

6. Der Dichter muß aber in seinen Charakteren, gerade wieauch in der Verknüpfung der Thatsachen", immer entweder auf dasNotwendige oder auf das Wahrscheinliche ausgehen; das heißt

Euripides genommen, denn auch die sonst nirgend weiter erwähnteSkylla" wird eine Euripideische Dichtung gewesen sein, da sie hierunter lauter solchen erscheint. InZammerklagen" seiner Helden warder auf Rührung spekulierende Euripides überhaupt stark bis zum Über-maß, wofür ihn Aristo'phanes gegeißelt hat, mit dem er in ästhetischernnd politischer Feinoschaft lebte. Eine solche bis zum Unmännlichenweichliche Jammerklage wird die des Odysseus in derSkylla" gewesensein. Bon der Tragödie Melanippe ist uns glücklicherweise genug er-halten (bei Diony'sius vonHalikarna'ß, Rheto'rik, S. 103), um die Ge-rechtigkeit des Aristotelischen Urteils über diebreite Auseinandersetzung"(pßm:) der blaustrumpfenden Euripideischen Heldin zu erhärten. Mela-nippe, heimlich von Neptu'n geschwängert, hat zwei Kinder geboren, diesie aus Furcht vor ihrem Vater im Kuhstalle versteckt. Als der Vatersie dort findet und, einfältig genug, sie für Mißgeburten seiner Kühe hältund zu töten befiehlt, erscheint Melanippe, von Mutterliebe getrieben,und rettet ihre Kinder, die sie doch als solche nicht anerkennen will, indemsie ihrem Vater in einer langen physiologisch-philosophischen Rede, vonder sich noch Fragmente erhalten haben, auseinandersetzt, daß es ein un-philosophisches Vorurteil sei, gegen solche Wunder und Mißgeburten Ab-scheu zu haben, und daß die Kinder ganz wohl auf natürlichem Wegevon Kühen geboren sein könnten. Diese doktrinäre Aufklärerei der Zeitdes Euripides, welche der Dichter einer Heroi'ne der uralten Fabelzeit inden Mund legt, istdas Unpassende und Unangemessene", was Aristote-les tadelt. Über die Inkonsequenz des Charakters der Iphigenie in derEuripideischenIphigenie in Aulis" (vgl. V. 12211252 mitV. 13681401) können wir selbst noch urteilen und müssen die Rich-tigkeit des Aristotelischen Tadels der unmotivierten Wandlung des Cha-rakters im wesentlichen zugeben. Es ist derselbe Tadel, der den Charak-ter des Prinzen von Homburg in des Romantikers Heinrich von Kleistbekannter Dichtung trifft.

II. Vgl. Kap. IX, Z 1; Kap. VII, § 7.