Fünfzehntes Kapitel.
129
5. Ein Beispiel von Schlechtigkeit des Charakters, ohnedaß dieser Charakter von der inneren Notwendigkeit der Dichtunggefordert wird, ist der Menela'os" im (Euripide'ischen) Ore'stc s,von unpassender und unangemessener Charakteristik die Zammer-klage des Ody'sseus in der (Euripide'ischen) Sky'lla und dielange gelehrte Rede der Melam'ppe, von inkonsequenter endlichdie Iphigeni'e in Au'lis, wo die demütig um ihr Leben flehendekeinen Zug hat von der Iphigenie im späteren Verlaufe des Stücks."
Wirkungen stattfinden, zu welchen das Drama die Charaktere vereinigt?"Bischer, Ästhetik, IV, S. 1383.
9. Auch der alte unbekannte Kunstrichter, der den „Inhalt" desEuripidel'schen „Orestes" geschrieben hat, sagt von dem Stück: „Es gehörtzu den auf der Bühne sehr gefallenden, und doch ist es das schwächstehinsichtlich der Charaktere. Denn außer Py'lades sind sie alle „Lumpen"(ivirüXol). Aristo'teles hebt den Menelaos als ein Beispiel unnötigerGemeinheit und Schlechtigkeit sim Gegensätze zu der von ihm für die tra-gischen Charaktere geforderten „sittlichen Tüchtigkeit") hervor, weil Euri-pides demselben, ohne durch die innere Notwendigkeit seines Sujets undohne durch die Tradition dazu berechtigt zu sein, den gemeinen Zweckandichtete, den Orestes um seine Erblande zu bringen und sich in derenBesitz zu setzen. Solche Gemeinheit der Triebfeder in der Tragödie istes, die den Charakter schlecht, d. h. lumpig (P«2Xov), erscheinen läßt. Euri-Pides aber hatte die Tendenz, der Feindschaft seiner athenischen Zeitge-nossen gegen Lakedä'mon, mit dein man im Kriege war, zu schmeicheln,indem er den lakedämonischen Helden als einen Schuft darstellte, und erverfehlte seinen Zweck freilich nicht (s. Markland zu Euripides' Jphi-geni'a in Aulis, Vers 304, und die Scholiasten zu Euripides' OrestesV. 381; 760; 903), zog sich aber die gerechte Rüge des Aristoteles und allerderer zu, die von dem wahren Dichter verlangen, daß er vor allen Din-gen durch sittliche Gewissenhaftigkeit „auf einer höher'n Warte als aufder Zinne der Partei" stehe.
lv. Die sämtlichen in diesem Paragraphen tadelnd angeführtenBeispiele fehlerhafter Charakterbehandlung sind aus Tragödien des
* Der Laut, hinter dem das Zeichen ' steht, hat den Ton: Deutschland ü'ber atleS.lrangenscheidtsche B.gr. u. röm. Al. ; Bd. 28 ; Lfrg. 7.) Aristoteles III. 9