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Aristoteles, Poetik.
nach der Wahrscheinlichkeit, noch nach der Notwendigkeit aufein-anderfolgen. Dergleichen Tragödien werden von den schlechtenDichtern aus Schuld ihrer eigenen Unfähigkeit gedichtet, von denguten dagegen aus Rücksicht auf die Schauspieler. ^ Denn dasie für die Aufführung bei den Kunstwettstreiten arbeiten unddeshalb die Fabel über ihren innern Gehalt ausdehnen, sehen siesich oftmals gezwungen, den geraden Fortschritt der Handlung zuunterbrechen.
II. 12. Nun^ ist aber der Gegenstand der Nach-ahmung in der Tragödie nicht bloß eine in sich vollständige
er die Erklärung und Würdigung dieser Erscheinung um so weniger abwei-sen, als selbst geschätzte Dichter augenblicklich gegen den von ihm ausge-stellten Grundsatz gehandelt hatten (wie z. B. nach dein Urteile alterKunstrichter Euri'pides in den „Phönikerinnen" mit der Scene, wo An-ti'gone von der Mauer herab das feindliche Heer mustert, mit dein Er-scheinen des Polynei'kes in Theben und mit der weitschweifig verhandel-ten Austreibung des blinden Königs Ö'dipus). So war also Aristoteles ge-nötigt zu erklären, daß er jede Fabel, in der die Scenen nicht nach derWahrscheinlichkeit und Notwendigkeit zusammenhingen und wo der Fort-schritt durch unnötige Zusätze und Einschiebsel unterbrochen sei, für ganzschlecht halte. — Dies führt ihn denn auf die Bemerkung über das Ver-hältnis der Dichtung zur realen Bühne seiner Zeit, zum „Bühnengerechten",— eine Bemerkung, die noch heute in vieler Hinsicht ihre Wahrheit hat.
11. Aristoteles, Rhetorik, III, I, sagt uns, daß zu seiner Zeit aufder Bühne die Schauspieler viel mehr galten, als die Dichter. Wennjene daher glänzende Episoden, von denen sie sich Effekt aufs Publikumversprachen, von den Poeten verlangten, so durften sich diese nicht weigern,auch wenn ihr ästhetisches Gewissen ihnen sagte, daß solche Einschiebseltrotz ihres Glanzes Fehler seien. Ganz wie heute!
12. Alle Verlegenheit der Kritiker über diese Sätze ist darausentstanden, daß sie die dem Aristoteles häufige, vielleicht aus der Ge-wohnheit mündlichen Vortrags (wie bei Hegel) herrührende Form ana-kolu'thischer Redeweise nicht berücksichtigten, in welcher, wie hier, öftersdem Vordersätze mit Lnel ein bloßes 81 in einem den Nachsatz vertre-