Siebentes Kapitel.
93
19. Don den übrigen sfünfj Stücken ist die Gesangkompo-sition die wichtigste der Würzen.
Die Darstellung für das Auge endlich hat zwar Einflußauf das Gemüt des Zuschauers, ist aber doch dasjenige Stück, welchesdas unkünstlerischste ist und der Kunst des Dichters am fernsten liegt.Denn die Tragödie übt ihre Wirkung auch ohne theatralische Auf-führung und Schauspieler; und überdies liegt die geschickte Versinn-lichung durch sichtbare Darstellung weit mehr in der Macht undKunst des Maschinisten als in der der Dichter.
Siebentes Kapitel.
1. Nachdem wir diese Bestimmungen festgesetzt haben, wollenwir demnächst darüber sprechen, wie die Verknüpfung der Thatfachenbeschaffen sein muß, da dies doch das erste und wesentlichste bei derTragödie ist.
2. Fest steht für uns, daß die Tragödie Nachahmung einer gan-zen und vollständigen Handlung ist, welche einen gewissen Umfanghat; denn es kann etwas ein Ganzes sein, auch ohne einen bestimm-ten Umfang zu haben, i
3. Ganz ist vielmehr, was Anfang, Mitte und Ende hat .2Anfang aber ist, was selbst zwar nicht notwendig etwas Anderes zurVoraussetzung hat, wohl aber solcher Natur ist, daß nach ihm etwasAnderes dasein oder werden muß^, Ende dagegen umgekehrt,
1. Vgl. Schlegel, Dramatische Vorlesungen, ll, S. 84; Bischer,Ästhetik, I, S. 100 ff.
2. Aristoteles, Vom Himmel, I, sagt: „Alles besteht aus Dreien,aus Anfang, Mitte und Ende, daher wir von der Natur gleichsam dieGesetze derselben empfangen und diese Zahl bei Gottesverehrungen ge-brauchen." Vgl. Voß zu Virgill, Eklo'gen, VIII, S. 426.
3. Über den philosophischen Begriff „Anfang" («p/ff) bei Aristotelesund den früheren griechischen Philosophen s. Schwegler zu Aristoteles'Metaphysi'k, Teil II, S. 186 fg.