92 Aristoteles, Poetik.
bringen, als wenn er ein wirkliches Bild auch nur im Kreide-umriß hinstellte. 20
Endlich: die Fabel ist Nachahmung einer Handlung, undeben als solche stellt sie vorzugsweise durch diese zugleich die Han-delnden dar.
16. Das dritte ist die Reflexion^', das heißt, die Fähigkeit,die in der Sache enthaltenen und mit den Verhältnissen stimmendenGedanken auszusprechen, was hinsichtlich der (in den Tragödien ein-geflochtenen) Reden die Aufgabe der Politik und Rhetorik ist. 22Denn die alten Dichter ließen ihre Personen poetisch sprechen, wäh-rend die heutigen sie rhetorisch sprechen lassen.
17. Der Charakter einer Person ist dasjenige, woraus sichoffenbart, von welcher Art ihre sittliche Absicht ist. ^ Darum habensolche Reden nichts von Charakter, in welchen überhaupt sich nichtzeigt, was der Redende erstrebt oder was er flieht. Reflexion (intel-lektuelle Thätigkeit) dagegen sind alle die Stellen, in welchen diePersonen darthun, daß etwas ist oder daß es nicht ist, oder über-haupt etwas auseinandersetzen.
18. Das vierte ist in Betreff der Redepartieen der sprach-liche Ausdruck. Zch verstehe aber, wie früher gesagt ist, untersprachlichem Ausdruck die Darstellung durch Worte, was bei gebun-dener wie bei ungebundener Rede dieselbe Bedeutung hat.
20. Die ausführliche Erklärung gibt Müller, a. a. O, II, S.S18 fg.
21. D. h. die intellektuelle Thätigkeit. Vgl. oben §§ 5 und 6und daselbst die Anmerkungen.
22. Der Dichter muß Politiker sein, um den großen politischen undsittlichen Interessen und Gedanken, mit denen es die Tragödie zu thunhat, gerecht werden zu können, und er muß mit der politischen Einsichtdie Kunst des Redners verbinden, welche diesen Gedanken den richtigen,sachgemäßen Ausdruck zu geben lehrt.
23. Vgl. Rhetorik III, 16 (S. 1417 a. 15 Bekker) und ebendaselbst