Einleitung. Drittes Kapitel. 59
sich erfunden habe, — wenn Ti'rnokles, sage ich, es ohneBedenken als Wirkung der Tragödie aussprach, daß
Des Hörers Geist, vergessend seines eignen Selbst,
Versenkend sich in fremdes Leid und Mißgeschick,
Belehrt und mit Genuß belehrt von dannen geht! —
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so sprach er damit zugleich die allgemeine Ansicht und Über-zeugung seiner Zeit und seines Volkes aus, welcher Platonmit seinem abstrakt einseitigen moralischen Radikalismussich entgegenstellte.
Aber die philosophische Begründung und Zurück-fühnmg dieser Wirkung auf das Wesen und den Begriffder'Tragödie selbst ist das unsterbliche Verdienst des großenhellenischen Denkers, dem über die Kluft von dritthalbtausendJahren das Verständnis des größten deutschen Denkers dieHand reicht. Aristoteles' Lehre von der Katharsis der durchdie Tragödie hervorgebrachten Eindrücke des Mitleids undder Furcht ist nichts anderes als der Nachweis: daß auchhier nach jenem tiefsinnigen Spruche das Verwundende auchzugleich das Heilende sei, der Nachweis, daß die Tragödie,indem sie jene großen Grundgefühle alles Tragischen, diedas Herz bedrückenden Affekte des Mitleids und der Furchtin uns ausregt, zugleich durch die Weise, wie sie es thut,durch ihre ganzeKompositionderHandlungundderCharaktere—diese Affekte auf das richtige sittliche Maß zurückführt.